Mit dem Bus zum Terroralarm: Bombige Zeiten

Seit den Warnungen werden auffallend häufig verdächtige Gegenstände gesichtet. Sie bringen die Berliner und den Nahverkehr zumindest kurzzeitig aus dem Takt.

Auch schlimm: Mit dem BVG-Bus am Berliner Weihnachtsterror vorbei Bild: dpa

Der Busfahrer klingt aufgeregt. Per Lautsprecher verkündet er: "Achtung! Aufgrund eines Bombenfunds am Hermannplatz endet dieser M 29 heute am Oranienplatz." Ein Bombenfund? Ein Mann flucht laut und springt noch schnell an der Haltestelle raus. Ein anderer kichert. Da hat der Fahrer wohl eher den Verdacht auf eine Bombe gemeint. Oder sollte aus dem Terrorhype an diesem Dienstagabend in Kreuzberg etwa doch Ernst werden?

Seit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vor Anschlägen gewarnt hat, sichten die Menschen in der Hauptstadt regelmäßig verdächtige Gegenstände. Die Alarme und Sperrungen bringen die Berliner und ihren Nahverkehr zumindest kurzzeitig aus dem Takt. Allein am Dienstag gab es mindestens vier Einsätze wegen stehen gelassener Taschen und Koffer.

So erregte am Morgen im Foyer der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität in Mitte ein Rucksack Misstrauen. Sein Inhalt erwies sich als harmlos. Ebenfalls am Morgen wurde die Polizei zum Eingang der Gedächtniskirche gerufen, weil dort ein herrenloser Koffer stand. Er enthielt Müll.

Mittags führte wiederum eine Handtasche auf dem Tresen einer Bäckerei im Ostbahnhof zu einer Sperrung der Haupthalle. Die Polizisten sprengten die Tasche mit einem Wassergewehr - sie fanden Kosmetika. Am Abend folgte dann der Alarm am Hermannplatz. Wer mit dem Bus und den U-Bahn-Linien 7 oder 8 durch Kreuzberg und Neukölln fahren wollte, musste sich andere Wege suchen.

So auch die Fahrgäste des M 29. Die meisten verlassen den Bus am Moritzplatz und steigen in den U-Bahnhof hinunter, die U 8 fährt zumindest noch bis zum Kottbusser Tor. Eine angespannte Stimmung auf dem Bahnsteig. Viele telefonieren. "Du, es gibt einen Bombenalarm, ich komme ein bisschen später", sagt eine junge Frau in ihr Handy. Einige gehen beim Warten auf und ab. Ein unschöner Gedanke schleicht sich ein: Sieht hier irgendwer verdächtig aus? Man mustert sich ein bisschen genauer als sonst.

Nicht alle Berliner bewahren angesichts der Warnungen die Ruhe. So haben besorgte Eltern an der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf inzwischen einen freiwilligen Wachdienst organisiert. Von morgens bis nachmittags beobachten sie den Pausenhof und die Eingänge zur Schule.

Eine gewisse Nervosität wird auch die Polizei weiter auf Trab halten: Im Zentralen Fundbüro landen im Monat im Schnitt 85 Taschen, Koffer und Rucksäcke. Auch beim BVG-Fundbüro wurden im Oktober 36 Sporttaschen und 70 Rucksäcke abgegeben. Normalerweise sammeln etwa die Busfahrer liegen gelassene Dinge nach Fahrtende ein. Unter dem Eindruck der Terrorwarnungen werden herrenlose Taschen für andere Fahrgäste schneller zu potenziellen Bomben - und damit Auslöser für Polizeieinsätze und Sperrungen.

Beim Umsteigen am Kottbusser Tor staut es sich. Die Rolltreppe spuckt immer mehr Menschen auf den überirdischen Bahnsteig der U 1. Trotz der Menge ist es hier angenehmer als unten in den U-Bahn-Gewölben. Man säße nicht ganz so in der Falle. Wenn, ja wenn. Man glaubt ja eigentlich gar nicht daran. Man ärgert sich über diese Warnungen, die zu nichts führen als zu Verunsicherung. Schließlich fahren die meisten auch weiterhin mit Bus und Bahn.

Zwei Stationen noch, dann ist es geschafft. Draußen an der frischen Luft sind die Bedenken schnell vergessen. Nach über einer Stunde gibt auch die Polizei am Hermannplatz Entwarnung. Der einsame Koffer, der dort an einer Säule stand, war leer.

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