Missbrauch in offenen Wohnungen: "Dort gibt es für sie Playstation"

Pädosexuelle locken Jungen zu sich in die Wohnung und missbrauchen sie, berichtet Ralf Rötten vom Beratungsprojekt "Berliner Jungs".

Zeichnung aus einem Comic des Projekts "Berliner Jungs" Bild: Projekt "Berliner Jungs"

taz: Herr Rötten, Sie arbeiten mit Jungen, die Opfer pädosexueller Gewalt wurden oder werden könnten. Was genau tun Sie?

Ralf Rötten: Wir gehen in Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen und versuchen, die Kinder und Jugendlichen für mögliche Strategien der Täter zu sensibilisieren. Wir beraten und betreuen auch Jungen, die uns Lehrer oder Eltern vermitteln oder die wir bei unserer Straßensozialarbeit kennengelernt haben.

Ralf Rötten, 46, leitet den Verein Hilfe für Jungs, zu dem das Projekt Berliner Jungs gehört.

Das Projekt "Berliner Jungs" erreicht bei der Prävention mehr als 1.000 Jungen pro Jahr. 340 haben die Mitarbeiter 2009 auch in Einzelgesprächen betreut. Finanziert wird das Projekt zu 15 Prozent aus Landesmitteln. Der Rest sind Spenden und Stiftungsgelder.

"Berliner Jungs" hat eine Telefon-Hotline für betroffene Jungen: Sie ist Montags bis Freitags zwischen 14 und 18 Uhr unter (030) 236 33 983 erreichbar.

Die Bezeichnung "pädophil" bedeutet übersetzt "kinderliebend". In diesem Zusammenhang von Liebe zu sprechen ist zynisch. Besser trifft es daher der Begriff der Pädosexualität, der unter Experten verwendet wird.

(all)

Wie kommen die Pädosexuellen an die Jungen ran?

Sie sprechen vor allem Jungen an, die sich viel in der Öffentlichkeit aufhalten. In Einkaufszentren, auf der Straße. Es gibt auch offene Wohnungen von Pädosexuellen. Unter den Jungen spricht sich rum, dass man dort gut abhängen kann.

Was genau versteht man unter einer offenen Wohnung?

Normalerweise handelt es sich dabei um die Privatwohnung der potenziellen Täter, die sie so gestalten, dass sie für die Jungen attraktiv ist. Dort können sie ins Internet, an die Playstation. Die Pädosexuellen bieten manchmal auch Alkohol und Zigaretten an oder kiffen mit den Jungen. Oder sie zeigen Pornos, um auszutesten, wie die Jungen auf Sexualität reagieren. Irgendwann im Nebenzimmer geschieht dann der sexuelle Missbrauch.

Wie viele Jungen gehen in diesen Wohnungen ein und aus?

Es können bis zu 70 sein, die dort regelmäßig auftauchen. Das Alter reicht von 8 bis 15 Jahren. Für Pädosexuelle interessant sind vor allem die 8- bis 12-Jährigen, weil die noch einen kindlichen Körper haben. Oft stehen die Wohnungen den Jungen rund um die Uhr offen. Manche bleiben bis spät am Abend, andere übernachten sogar da.

Woher wissen Sie von den offenen Wohnungen?

Die Jungen selbst erzählen uns davon. Wir wissen das also aus erster Hand. Wobei wir eine solche Information erst als gesichert betrachten, wenn wir von mehreren Jungen unabhängig voneinander einen Hinweis bekommen haben.

Wie viele dieser Wohnungen gibt es in Berlin?

Wir wissen von etwa 30. Diese Wohnungen liegen vor allem in sozial schwächeren Gebieten, weil die Jungen dort leichter mit dem Angebot zu locken sind. Für einen Zehlendorfer Jungen, der zu Hause ein eigenes Zimmer mit Playstation hat, ist so eine offene Wohnung schlicht weniger attraktiv als für Jungen, die sonst viel draußen abhängen.

Schon vor Jahren gab es Berichte über Pädosexuelle, die Kinder in ihre Wohnung lockten.

Neu ist das Phänomen nicht, aber die offenen Wohnungen haben in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen. Früher gab es eine aggressive pädosexuelle Szene in Berlin, die offen in Lokalen verkehrte. Diese Läden wurden von der Polizei vor einigen Jahren hochgenommen, zum Beispiel das Jasons in Kreuzberg. Die Pädosexuellen sind aber immer noch da. Sie setzen verstärkt auf den privaten Raum.

Wenn Sie von einer offenen Wohnung erfahren, melden Sie das der Polizei?

Wir arbeiten mit der Polizei zusammen. Aber für die Beamten ist es oft sehr schwierig, dagegen vorzugehen. Die Wohnung ist ein geschützter Raum, und das ist ja auch gut so. Für eine Durchsuchung müssen die Verdachtsmomente schon sehr deutlich sein. Am besten, es liegt eine Anzeige vor. Aber die meisten Jungen wollen nicht anzeigen.

Warum?

Eine Täterstrategie ist, den Jungen zu drohen, dass sie Ärger kriegen, wenn der sexuelle Missbrauch bekannt wird. Viele schämen sich dafür. Ein großer Teil der Jungen, die Opfer Pädosexueller werden, sind Migranten. Sie wollen nicht als homosexuell gelten. Sie haben Angst vor dem Gesichtsverlust, auch vor der eigenen Familie. Man muss zudem sagen, dass es für die Jungen selbst tatsächlich wenig bringt, zur Polizei zu gehen. Sie werden manchmal noch über Jahre mit dem Erlebten konfrontiert, sie müssen vor Gericht aussagen. Das ist schwierig für die meist traumatisierten Jungen.

Sie sprechen immer von Jungen. Sind Mädchen denn nicht betroffen?

Das Problem betrifft tatsächlich vor allem Jungen, einfach weil Mädchen sich weniger auf der Straße aufhalten und dadurch schwieriger anzusprechen sind. Mädchen treffen sich eher mal bei Freundinnen zu Hause. Für sie ist der Missbrauch innerhalb der Familie das größere Problem.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen?

Die Erfahrung zeigt, dass Jungen, die Opfer Pädosexueller werden, oft ohne Vater aufwachsen. Sie springen auf eine männliche Bezugsperson besonders leicht an. Deshalb sollten auch alleinerziehende Mütter darauf achten, dass im engeren Umfeld ein Mann als Ansprechpartner da ist. Außerdem sollte man den eigenen Kindern glauben. Viele Eltern wollen sexuellen Missbrauch nicht wahrhaben, vor allem, wenn es den netten Mann von nebenan betrifft. Aber wenn ein Achtjähriger detailliert über Oralverkehr spricht, nicht nur in Schlagwörtern, dann hat er das höchstwahrscheinlich tatsächlich erlebt. Dann sollte man den Kontakt unterbinden und sich schnell Hilfe suchen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de