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Missbrauch in der Evangelischen KircheRücktritt unter Frust

Nancy Janz tritt als Sprecherin evangelischer Missbrauchsbetroffener zurück. Sie beklagt Kommunikationsmängel und schleppenden Fortschritt.

Nancy Janz spricht bei der Synode der Evangelischen Kirche 2024 Foto: epd/Imago

Wer sich durch den 950 Seiten schweren Abschlussbericht des interdisziplinären Verbunds „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ (ForuM) kämpft, ist schockiert: Es gibt 2.225 Betroffene, 1.259 Beschuldigte und eine hohe Dunkelziffer.

Mehr als drei Jahre lang loteten WissenschaftlerInnen, koordiniert durch die Hochschule Hannover, die schwärzesten Abgründe aus. Was sie herausfanden und 2024 veröffentlichten, lässt keine Zweifel: Nicht nur die katholische Kirche hat tiefe Schuld auf sich geladen, flächendeckend und strukturell.

Veränderung ist gefordert. Aber genau damit tut sich die evangelische Kirche ebenso schwer wie die katholische. Das jüngste Indiz für diese Trägheit: Der Rücktritt von Nancy Janz als Betroffenen-Sprecherin des Beteiligungsforums „Sexualisierte Gewalt“ in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihres Sozialverbandes Diakonie. Seit Mitte 2022 hatte sie diese Position inne.

Auslöser sei „ein Konglomerat von Aspekten“, sagt sie der taz. „Das Forum macht gute Arbeit, kann mitgestalten, mitentscheiden. Aber manche Landeskirche ruht sich auf uns aus, sieht uns als Alibi, als Rechtfertigung, selber nicht tätiger werden zu müssen.“

Defizite in der Kommunikation

Außerdem gehe die Umsetzung von Fortschritten und im Forum erarbeiteten Reformansätzen in den unabhängigen Landeskirchen und auch in der Diakonie oft zu schleppend. „Das hat ja viel mit Haltung zu tun, damit, wie wichtig mir das Thema ist, die Kritik insgesamt, wie gut ich das an untere Ebenen weitergebe. Manche beziehen da sehr deutlich Position, andere nicht.“ Das frustriere.

Hinzu komme ein Vermittlungsdefizit. „In Sachen Kommunikation ist die EKD einfach wirklich schlecht“, sagt Janz. „Wir müssen die Leute mitnehmen, ihnen nicht nur Ergebnisse mitteilen, sondern auch Fragestellungen, Entscheidungsgänge, Zwischenbilanzen. Aber das ist zäh, nicht eingeübt genug, da fehlt es an Transparenz.“

Und: „Weil vieles nicht gut nach außen kommuniziert wird, sind wir oft Anwürfen ausgesetzt, wir seien zu kirchennah.“ Das belaste emotional.

Dass Janz keine Alibirolle akzeptiert, kann die EKD nicht verwundern. „Mein Gestalten soll Wirkung haben, soll Prozessänderungen in Gang setzen, soll zum Umdenken und Mitdenken anregen, soll vor allem Sinn für andere Betroffene haben“, schreibt sie über sich auf der EKD-Website. „All die Schrecken, die ich persönlich erleben musste, all mein Kämpfen um mein eigenes Leben mit den Schrecken, muss für mich in Sinnhaftigkeit münden.“

Manche Landeskirche ruht sich auf uns aus, sieht uns als Alibi, als Rechtfertigung, selber nicht tätiger werden zu müssen.

Nancy Janz, ehemalige Sprecherin der Betroffenen-gruppe

Auch Detlev Zander ist auf der Website noch zu sehen. Bis Herbst 2025 war er ebenfalls Sprecher des Forums. Sein Amt sei „derzeit ruhend“, so die EKD. Auch Zander hatte Probleme bei der Aufarbeitung gesehen, auch er spricht nicht mehr für das Forum. Zwei gewichtige Aderlässe, binnen nur weniger Monate.

Beendet ist die Tätigkeit von Nancy Janz für die EKD übrigens nicht. Janz ist Leiterin der Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Bremischen Landeskirche, und das bleibt sie. Auch dem Beteiligungsforum gehört sie weiterhin an, für eine „Übergangszeit“. Aber ihr Rücktritt ist, anders als bei Zander, ein Weggang – und zugleich, hofft sie, „eine Chance, zu sehen, wo wir stehen, wo die Lücken sind“.

Kirche nimmt Kritik ernst

Janz habe „das Beteiligungsforum geprägt, von Anfang an und entscheidend“, schreibt Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst in einer EKD-Mitteilung. Wüst ist Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum. Sie danke Janz „für die offene, ehrliche und konstruktive Zusammenarbeit“.

Das Forum versteht Wüst als Ort, „Standards weiterzuentwickeln und den Kulturwandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie voranzubringen“.

Sie nehme die von Janz geäußerte Kritik „sehr ernst“: „Nancy Janz und ich haben intensiv über ihre kritischen Anfragen an Tempo und Einheitlichkeit der Umsetzung von Maßnahmen durch die Landeskirchen gesprochen. Und ich verstehe ihre Kritik, sehe aber auch, genau wie Nancy Janz, welchen großen Wandel wir in den vergangenen Jahren angestoßen haben.“

Janz würde das unterschreiben. Der Mangel an Sinnhaftigkeit reicht bis tief hinein ins System Kirche. Wer ihn beheben will, muss an vielen Stellschrauben drehen.

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