Menschenrechte auf den Malediven

Kein Paradies für Einheimische

Wer sich auf den Malediven kritisch zu Religion und Politik äußert, ist gefährdet. Die Menschenrechtlerin Shahindha Ismail musste das Land verlassen.

Vom Meer aus wird ein schöner Strand mit Palmen fotografiert; rechts sieht man ein überdachtes Boot auf dem Wasser.

Ungefähr so stellen sich Touristen die Malediven vor. Die Lebensrealität sieht anders aus Foto: Colin Watts/Unsplash

HAMBURG taz | Vielleicht kann Shahindha Ismail nie wieder in ihre Heimat zurückkehren. In eine Heimat, die in Europa als Urlaubsparadies gilt: die Malediven, eine Inselgruppe im Indischen Ozean. Aus Hamburg beobachtet die 41-jährige Menschenrechtsaktivistin, dass in ihrer Heimat seit Wochen eine Hass-Kampagne gegen sie läuft.

Ismail erhält öffentliche Morddrohungen von religiösen Fanatikern, außerdem ermittelt die maledivische Polizei gegen sie. Bis zum Ende der Ermittlungen sind ihrer Nichtregierungsorganisation Maldevian Democracy Network (MDN) sämtliche Aktivitäten untersagt. Aus einem freiwilligen Aufenthalt in Deutschland könnte jetzt für die Aktivistin ein unfreiwilliges Exil werden.

Noch ist sie nicht so weit, die Situation endgültig zu akzeptieren. Shahindha Ismail wuchs in einer politischen Familie in der Hauptstadt Malé auf, ihr Vater war unabhängiger Parlamentarier. Lange Zeit kannte sie keinen anderen Präsidenten als den Diktator Maumoon Abdul Gayoom, der das Land von 1978 bis 2008 beherrschte. Als 2003 der 18-jährige Häftling Hassan Evan Naseem 2003 von Gefängniswärtern zu Tode gefoltert wurde, schloss sie sich den Protesten auf der Insel an.

Die Verhaftung des Bruders

Ismail, in Jeans und T-Shirt, sitzt in ihrer großen Hamburger Wohnung, seit einer halben Stunde kaut sie auf einer halben Banane herum. „Ich wollte die Menschen vor dem Diktator retten“, erzählt sie sehr leise, ganz ernst. Zusammen mit ihrem Bruder, wie sein Vater ein unabhängiger Abgeordneter, zettelte sie öffentliche Debatten an und startete Aktionen gegen das eigenmächtige Vorgehen von Polizei und Gefängnispersonal, die, wie im Fall von Hassan Evan Naseem, Menschen ohne ordentliches Gerichtsverfahren de facto hinrichten lassen konnten.

Ismail macht die Balkontür auf, es ist windig in Hamburg, die frische Luft fährt durch ihr Haar. Stolz erzählt sie in fließendem Englisch: „Das war eine erfolgreiche Aktion damals! Viele Menschen haben öffentlich ein Tabu gebrochen und Kritik an der Regierung geübt, obwohl unsere Veranstaltungen später von der Regierung verboten wurden.“

Die Proteste gegen Maumoon Abdul Gayoom und sein Regime gingen 2004 weiter. „Ich erinnere immer noch genau an das Datum. Es war der 12. August, und ich bin nach der Uni zur Demo gegangen. Damals habe ich das Leben einer Aktivistin gelebt,“ sagt Ismail, „ich habe mich gleichzeitig mit vielen verschiedenen Sachen beschäftigt.“ An dem Tag wurden ungefähr 300 Menschen von der Polizei festgenommen – unter ihnen Ismails Bruder.

„Sie haben ihn krankenhausreif geschlagen“, erinnert sich Ismail. „Ich war schockiert. Wie uns ging es vielen Familien. Sie hatten keinen Kontakt zu ihren inhaftierten Angehörigen.“ Gemeinsam mit anderen Aktivisten begann Ismail die Rechte der Familien zu recherchieren. Jeden Tag formulierten sie für betroffene Familien dutzende Briefe an den Generalstaatsanwalt. Und tatsächlich durften die Familien auf den öffentlichen Druck hin die Gefangenen besuchen. „Es war unser erster großer Erfolg,“ sagt Ismail.

Projekt „Parliament watch“

Sie dokumentierten alle ihnen bekannten Fälle und veröffentlichten sie auf einer Website. Später sollte daraus die erste Menschenrechtsorganisation der Malediven werden, das Maldevian Democracy Network (MDN), deren Geschäftsführerin Ismail heute ist. Offiziell registrieren lassen konnten sie die Organisation erst 2006.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter. Das Dossier zu "30 Jahren friedliche Revolution" aus der Ausgabe vom 2./3. November gibt es online hier.

MDN verschwand danach nicht mehr von der Bildfläche. Anders als der Diktator: 2008 wurde er in den ersten demokratischen Parlamentswahlen des Landes abgewählt, 2018 ließ ihn der damalige Präsident Abdulla Yameen verhaften. Unter Mohamed Nasheed, dem ersten frei gewählten Präsidenten des Landes, machte der Inselstaat Fortschritte. 2010 startete MDN das Projekt „Parliament watch“, um die Arbeit der Abgeordneten zu begleiten und zu überwachen.

„Wir wollten das Parlament näher an die Menschen bringen“, erklärt Ismail. Sie und ihre Mitstreiter warben für Presse- und Redefreiheit. Doch Nasheed trat 2012 nach einem Putschversuch gegen ihn zurück, sein Nachfolger Abdulla Yameen regierte das Land von 2013 an wieder sehr viel autokratischer.

Keine Religionsfreiheit

Die Malediven sind ein kleines Land südwestlich von Indien und Sri Lanka mit nur 344.023 Einwohnern, aber großen Problemen – wie Klimawandel, Korruption und religiösem Extremismus. Der Islam ist Staatsreligion, Religionsfreiheit ist ausdrücklich ausgeschlossen. Das politische Klima hat sich seit 2013 verschärft. 2014 wurde der Journalist und Blogger Ahmed Rilwan Abdulla ermordet, der über religiösen Extremismus und soziale Themen schrieb.

Damals heuerte Ismails NGO einen Privatdetektiv an. Er fand heraus, dass hochrangige Politiker mit radikal-islamischen Gruppen zusammenarbeiteten. „Wir haben das Ergebnis dieser Untersuchung öffentlich gemacht“, erinnert sich Ismail, „und am gleichen Tag ging die Polizei gegen unseren Report vor.“

Shahindha Ismail

„Ich bat die Polizei um Hilfe, und sie wollte mich festnehmen!“

Genau zu diesem Zeitpunkt begannen die Morddrohungen gegen Shahindha Ismail. „Ich rief die Polizei an“, erzählt Ismail, „und die Polizisten sagten zu mir: ‚Ja, wir suchen dich wegen des Reports‘. Ich war völlig überrascht: Ich bat die Polizei um Hilfe, und sie wollte mich festnehmen!“

Ismails Handy vibriert, ängstlich guckt sie auf das Display. Ist wieder ein Kollege festgenommen worden, hat jemand aus ihrem Freundeskreis Morddrohungen erhalten? Sie schaltet ihr Handy aus, schließt die Balkontür. Es ist kalt, sie kommt aus einem Land, wo das Thermometer niemals unter 25 Grad fällt. Ismail nimmt auf dem Boden Platz und erzählt.

Sarkastischer Tweet

Im April 2017 starb der bekannte Blogger Yameen Rasheed, weil er sich kritisch gegen den islamischen Extremismus geäußert und über Politiker lustig gemacht hatte. Nachdem er auf Twitter Morddrohungen erhalten hatte, töteten ihn seine Mörder mit 38 Stichen. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.

Shahindha Ismail am Strand in Hamburg

Shahindha Ismail ist Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte Foto: privat

Auch für Ismail wurde die Lage immer bedrohlicher. Im Dezember 2017 lieferte sie sich auf Twitter einen Wortwechsel mit dem damaligen Präsidenten Abdulla Yameen. „Ich akzeptiere keine andere Religion als den Islam“, twitterte Yameen. Ismail konterte sarkastisch: „Andere Religionen auf dieser Welt existieren doch nur deswegen, weil Allah sie erlaubt hat. Sonst würde es doch keine andere Religion geben, oder?“

Der Tweet verschärfte die Situation für die Menschenrechtsaktivistin weiter. Innerhalb von fünf Stunden veröffentlichte die Online-Zeitung Vaguthu mehrere Artikel gegen die „Atheistin“ Ismail, die nach den Regeln der Scharia sterben müsse. Ismail verließ die Malediven und floh an einen geheimen Ort. Erst zwei Monate später kehrte sie zurück.

Der Überwachung müde

Nach ihrer Rückkehr bekam sie endlich Polizeischutz. „Aber irgendwann war ich müde vom Polizeischutz“, sagt Ismail. „Ich war es satt, die ganze Zeit nach rechts und links gucken zu müssen.“ Sie zog in das Gebäude um, in dem ihr Büro war. „Ich war eine alleinerziehende Mutter und Aktivistin. Ich hatte so viel zu tun und gleichzeitig konnte ich das Haus nicht verlassen“, sagt Ismail. „Ich bin immer gern joggen gegangen. Ich bin sogar Marathon gelaufen.“

Das alles war plötzlich vorbei. Eine Anzeige im April 2018 wegen eines Tweets wurde zwei Monate später aus Mangel an Beweisen zwar eingestellt, dennoch blieb die Lage bedrohlich.

Shahindha Ismail

„Die Islamisten kontrollieren de facto die Regierung. Sie haben alle Institutionen unterwandert.“

Eine Überraschung war daher das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen 2018. Oppositionskandidat Ibrahim Mohamed Solih von der Maledivischen Demokratischen Partei (MDP) setzte sich gegen den Amtsinhaber Abdulla Yameen durch. Plötzlich schöpften die Menschen wieder Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich bisher nicht erfüllt hat.

“Wir sprechen hier von einem ‚Staat im Staate‘“, erklärt Ismail. „Die Islamisten kontrollieren de facto die Regierung. Sie haben alle Institutionen unterwandert. Und die weit rechts stehende Partei Adhaalath ist Teil der Regierungskoalition.“

Abgeschottete Touristen

Die Touristen aus aller Welt bekommen davon wenig mit. Sie gehen an traumhaft schönen Stränden tauchen, abgeschieden von der einheimischen Bevölkerung und ihren Problemen. „Die Touristen kümmert das nicht, weil sie vom Aufstieg der Islamisten nicht betroffen sind“, glaubt Ismail. „Viele Betreiber der Touristenresorts zahlen Geld an die Islamisten, damit ihre Unterkünfte sicher bleiben.“

Die Einladung nach Hamburg kam für Ismail gerade zur richtigen Zeit. Mit einem Stipendium der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte ist sie für ein Jahr in der Hansestadt zu Gast. Hier wollte sie sich erholen. Endlich wieder einen Marathon laufen, ohne Angst zu haben. Endlich wieder auf der Straße sich bewegen, ohne nach möglichen Verfolgern Ausschau halten zu müssen.

Aber seit Wochen nehmen die Drohungen auf Twitter gegen sie massiv zu. Das Ministerium für islamische Angelegenheiten veranlasste Anfang Oktober polizeiliche Ermittlungen zu einem Report des Maldevian Democracy Network aus dem Jahr 2015. Der Bericht verstoße gegen Grundsätze des Islams und gefährde die religiöse Einheit der Malediven. Die Polizei fahndet nach Mitarbeitern der Organisation.

Ismail ist den Tränen nahe. Auf einer der vom Tsunami 2004 besonders betroffenen Inseln hatte sie aktiv beim Wiederaufbau geholfen. Sie war für die Menschen da gewesen. Jetzt findet dort eine Fahrraddemonstration gegen sie und ihre NGO statt. „Das tut weh“, sagt sie.

Am 5. November verkündete das maledivische Ministerium für Jugend, Sport und Stärkung, dass es sich entschieden hat, „den Betrieb von Maldevian Democracy Network ganz einzustellen“.

Hinweis: Der Artikel wurde am 6. November im letzten Absatz aktualisiert.

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