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Sebastian Pucher inszeniert einen erwartbaren Familienzwist. Schillers „Räuber“ werden am Schauspiel Stuttgart zu Extremisten der Gegenwart
Von Björn Hayer
Ehrlich gesagt geben sich beide nichts. Der eine, integriert, wiegelt den Vater auf, um allein an das Erbe und die Macht in der Familie zu gelangen. Der andere gründet daraufhin eine Schlägerbande, um einen Rachefeldzug zu beginnen. Die Rede ist von den rivalisierenden Brüdern Karl und Franz Mohr in Friedrich Schillers furiosem Debütdrama „Die Räuber“. Ein kraftvoller Sturm-und-Drang-Text über die Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit. Dass dieser insbesondere in einer Epoche wiedererstarkender autoritärer Tendenzen reichlich Anschlusspotenzial birgt, ist für jede Regie verführerisch. Rasch drängen sich plakative Bilder auf, nach denen letztlich auch Sebastian Pucher in seiner Inszenierung für das Schauspiel Stuttgart gegriffen hat.
Vollends erwartbar begegnet uns Karl (Felix Jordan) als Extremist mit Raubkatzenhose. Er wähnt sich in einem übergriffigen Staat, in dem Meinungen unterdrückt werden. Sein daraus resultierender wutbürgerlicher Größenwahn spiegelt sich in einem eindrucksvollen Bühnenbild: Wir blicken auf eine Wand mit langbärtigem Koloss (Bühne: Nina Peller).
Während der Systemsprenger mordend und brandstiftend durch das Land zieht, illustrieren Projektionen auf dem Riesen sämtliche überschäumenden Emotionen. Mal sehen wir Feuer auf dem Giganten. Mal bröckelt sein Körper oder verwandelt sich in ein den schauerlichen Ausgang des Ganzen vorwegnehmendes Skelett mit Totenkopf. Mitunter wird man Kampf-Helikopter auf ihm gewahr, die recht platt die heutigen Kriege in der Gewalt des Rebellen widerspiegeln.
In Herrscherpose auf dem Balkon
Auf der anderen Seite der Drehbühne tauchen wir in die Einflusssphäre von Franz (Therese Dörr) ein. Das felsige, monochrome Gebirge weist die Silhouette eines zur Raffgier des Protagonisten passenden Raubvogels auf. Steht Franz nicht in Herrscherpose auf dem oben gelegenen Balkon, bewegt er sich häufig in einem vornehmlich durch Kameraaufnahmen zu sehenden Raum in der Mitte der Kulisse. In dem buchstäblich goldenen Käfig residierte anfangs noch sein Vater, bis Franz nach und nach dessen Besitz an sich reißt.
Insgesamt also eine solide, wenn auch unpassionierte Realisierung des Stoffs. Sie setzt auf stimmungsvolle Effekte. Zum Beispiel tritt die Räuberbande nach der Pause als Hardrock-Band mit Flammenspiel auf. Ebenso trägt die durchweg düster-psychedelische Musik zu einer atmosphärischen Dichte bei. Gleichwohl gelingt es der Regie kaum, das Stück jenseits recht abgegriffener Bilder zu transzendieren. Wir bekommen vor allem Schaufenstertheater geboten, hell ausgeleuchtet, ohne besondere Überraschungen oder ungewöhnliche Perspektiven auf einen häufig aufgeführten Klassiker.
Das Stück ins Hier und Heute holen
Ein wenig Neues bietet der Abend aber doch. Denn in das ursprüngliche Werk sind Passagen des Erfolgsautors Thomas Melle eingewoben. Texte, die das Stück ins Hier und Heute holen. Ihnen ist zu verdanken, dass eine in der Originalfassung eher abseitige Figur, nämlich Amalia, in ein neues Licht gerückt wird. Ursprünglich eher das verliebte Anhängsel von Karl, erscheint sie nunmehr als emanzipierte Frau. Inmitten des geballten Testosteronüberschusses bezieht sie Haltung. Weder gibt sie den bemühten Avancen Franzens nach, noch will sie am Ende zu Karl zurück. Und ein Suizid (wie bei Schiller) kommt erst recht nicht infrage.
Nein, diese Heldin problematisiert souverän die Strukturen des Chauvinismus. Nach zähem Schlussdialog der Kontrahenten gipfelt dieser bei Pucher in deren gegenseitiger Auslöschung. In der Umarmung töten sich die Brüder, wissend um die auf sich geladene Schuld, die sie eint. Schillers Tragik, sie wird damit gedoppelt. Eine entsprechend gesteigerte Intensität vermisst man an dieser Premiere dennoch.
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