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MedienDer Rückenwind ist da

Im Rechtsstreit mit Oberpolizist AndreasRenner findet Kontext viel Unterstützung. Der Verein PolizeiGrün erklärt sich solidarisch und spendet, Zeitungen kommentieren, Fußballfans demonstrieren und die finanzielle Hilfe der Leser:innenklettert in den fünfstelligen Bereich.

Sage jemand, Fußballfans seien unpolitisch: nicht das „Commando Cannstatt 1997“, das beim Heimspiel gegen Wolfsburg (7.10.) mit einem Renner-Banner aufgezogen ist – samt Koppel-Wort. Der Fotograf war einverstanden, dass es für die Veröffentlichung in Kontext zensiert werden musste. Foto: cannstatter-kurve.de, Schwärzung: Kontext

Von Josef-Otto FreudenreichSitzt ein Ehepaar am Frühstückstisch und überlegt sich, was es mit dem Koppelwort, das man nicht schreiben darf, auf sich hat. Es soll irgendwas mit Geschlechtsteil, Bindestrich und Beruf zu tun haben. „Schnäbberle-Schutzmann“, „Knüppel-Cop“, „Wedel-Wachtmeister“ rätseln die beiden und bleiben sehr unbefriedigt zurück. Niemand erklärt ihnen das Mysterium des Unworts, seitdem der Alliterierte, der Polizist Andreas Renner, juristisch dagegen vorgegangen ist. „Die Tücken des Gemächts“ steht über der Glosse.

Ausgedacht hat sich die Szene der Kollege Peter Schwarz von der „Waiblinger Kreiszeitung“. Ihm liegt daran, Ross und Reiter zu nennen, gerade in diesem Dunkelfeld, das dringend Licht benötigt. Was man im Zusammenhang mit dem Polizeiskandal noch sagen und erfahren dürfe, sei doch von durchaus öffentlichem Interesse, schreibt er. Es könne nicht sein, dass man sich da offenbar „nur noch in Andeutungen“ ergehen dürfe. Journalismus als eine Mischung aus Satire und Sarkasmus – das ist zumindest eine neue Stilform. Seit dem Hamburger Urteil, das Kontext untersagt, das Bindestrichwort zu benutzen, ist es aber so: Würde der Kollege Schwarz das „böse Koppelwort“ verwenden, drohte ihm sofort eine teure einstweilige Verfügung.

Die Folgen sind schwerwiegend. In den Redaktionen wird der Fall nur noch mit spitzen Fingern angefasst, die Scheren im Kopf klappern, die Sorge, vor Gericht zu landen, ist groß. Das kostet Geld, Nerven und Zeit. Und genau das ist es, was die Kläger:innen wollen, vertreten von Jurist:innen, die wissen, wo‘s weh tut. Renners Anwältin, Stephanie Vendt, zählt den Fußballprofi Jérôme Boateng zu ihren Mandanten. Seit ihrer gerichtlich abgesegneten Unterlassungsforderung sind Kontext-Geschichten, ihren Mandanten betreffend, übersät mit X-en und erinnern eher an Stacheldraht als an einen Zeitungsartikel.

Die grüne Polizei zeigt sich schockiert und handelt

Das ist auch der Polizei nicht verborgen geblieben – zumindest der kritischen Seite. Eine freie Presse sei ein „unerlässlicher Garant“ für das Funktionieren unserer Demokratie, schreibt uns Armin Bohnert, der Bundesvorsitzende des Vereins „PolizeiGrün“, und kritisiert eine gerichtlich eingeschränkte Berichterstattung. Konkret wird sein Landesvorsitzender Frank-Ulrich Seemann, der sich „zutiefst schockiert“ zeigt um die Vorgänge rund um Renner. Eine diskriminierungsfreie Polizei habe Beschäftigte vor sexueller Belästigung zu schützen, betont er, und beklagt einen „Vertrauensverlust“ inner- und außerhalb der Ordnungshüter:innen. Seemann belässt es dabei nicht bei Worten. „PolizeiGrün“ habe beschlossen, eine Solidaritätsspende an die Kontext-Redaktion zu überweisen, teilt er uns mit.

Aus aktuellem Anlass bietet die Vereinigung grüner und Grünen-naher Polizist:innen am 20. Oktober um 16 Uhr eine Veranstaltung an, deren Titel „Macht und Ohnmacht in der Polizei“ lautet. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass in einem streng hierarchischen System („Ober sticht Unter“) Abhängigkeiten bestehen, Vorgesetzte diese Macht genießen und ausnutzen, auch weil sich Betroffene „nicht trauen, den Mund aufzumachen“. In Workshops sollen sie dazu Gelegenheit haben. Anmeldungen zu der Veranstaltung, die in der Landesgeschäftsstelle der Grünen stattfindet (Königstraße 78, Stuttgart), sind erforderlich unter anmeldung@polizeigruen.de.

Eine bildmächtigere Überschrift wählt SteffenGrimberg, dem Springers Boulevardblatt auf allen seinen Stationen am Herzen lag. Sei‘s als Medienchef bei der taz, Sprecher bei der ARD, beim Grimme-Institut und jetzt als Leiter des Mediendiensts der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. Seine Kolumne in der taz heißt „Bäh! Ein Polizist und das P-Wort“ und beschäftigt sich mit der Merkwürdigkeit, dass die „Bildzeitung“, die Erfinderin des P-Worts, keine Klage an den Hals bekam, sondern die viel kleinere Wochenzeitung. Grimberg hat dafür eine interessante Erklärung: Wenn „Bild“ „bollerig rumskandalisiert“, so der erfahrene Medienjournalist, lässt sich das „angeekelt weglächeln, schließlich ist „Bild“ bäh“. Mit den Kontext-Journalist:innen „funktioniert das nicht“.

Aus Transparenzgründen erwähnt er noch, dass Springer der Lieblingsfeind der taz sei und Kontext sowas wie „unsere schwäbische Schwester – Alliteration beabsichtigt“. Zum Schluss regt der Kollege an, auch Landesinnenminister Strobl möge in den Soli-Fonds einzahlen, mit dem Kontext die anstehende Berufung gegen das Urteil der Hamburger Pressekammer bezahlen kann. Zum Wohle der Pressefreiheit. Er selbst will mit gutem Beispiel vorangehen. Das Honorar für seine Kolumne sei „jedenfalls schon mal drin“, verspricht Grimberg.

Er reiht sich damit ein in die große Schar unserer Leserinnen und Leser, deren Hilfsbereitschaft überwältigend ist. Inzwischen haben wir die 10.000-Euro-Marke erreicht, und da ist die Spende von „PolizeiGrün“ noch nicht dabei. „Bleibt mutig“, schreiben sie, „macht weiter“ und „Elena Wolf forever“. Sie hat den Text über Renner geschrieben. Die Redaktion dankt herzlich.

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