piwik no script img

Männer in Uniform

Colleen Hoovers schreibt Bestseller auf Bestseller: Was schätzen Millionen Le­se­r:in­nen an einer heißen Lovestory zwischen einer Autorin und einem Kleinstadtcop?

Von Julia Hubernagel

Am Anfang steht eine Rechtfertigung. Sie habe eine Atempause gebraucht, schreibt Colleen Hoover im Vorwort zu ihrem 26. Roman, der ganze drei Jahre nach ihrem letzten Buch erschienen ist. Ihr Pensum war zuvor ungleich höher: Im Schnitt zwei Romane verfasste die laut Verlag „erfolgreichste Autorin der Welt“ pro Jahr. Auch „Woman Down“ landete nun zielgenau sofort auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste.

Eine Rechtfertigung war laut Fans auch geboten, wenn auch für ein anderes Vergehen. Die Verfilmung von Hoovers „Nur noch ein einziges Mal“ zog einen Skandal nach sich. Blake Lively beschuldigte ihren Schauspielkollegen Justin ­Baldoni der sexuellen Belästigung, In­ter­net­nut­ze­r:in­nen beschuldigten Lively, das Thema des Films, Missbrauch, auf die leichte Schulter zu nehmen, und Hoover, so urteilten Fans, habe sich zu der Chose nicht angemessen oder genügend verhalten.

Colleen Hoover: „Woman Down“. Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt und Anja Galić. dtv, Mün­chen 2026. 416 Seiten, 23 Euro

Obwohl nach eigenem Bekunden jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Menschen et cetera ausgeschlossen sei, entwirft Hoover in „Woman Down“ ein ähnliches Szenario. Der Romanceautorin Petra macht ein Shitstorm angesichts ihrer Romanverfilmung zu schaffen. Ihre Produktivkraft (zwei Bestseller pro Jahr waren schon drin) ist versiegt, es drohen Konsequenzen (der Kredit für das Haus kann nicht gedeckt werden). Um endlich ihren nächsten ­Roman zu schreiben, zieht sich Petra in eine einsame Hütte ­zurück.

Das Spiel mit der Autofiktion gehört normalerweise nicht zum Trickrepertoire von Romanceautor:innen. Eigentlich besteht genau darin der Deal zwischen Zauberer und Publikum: Auf Realismus wird zugunsten maximaler Sexyness verzichtet. Die Romanfiguren sind meist zu schön, zu schlau, zu hot, um wahr zu sein. Neben der weiblichen Hauptfigur Petra taucht auch in „Woman Down“ alsbald ihr männlicher Counterpart auf: ein durchtrainierter Kleinstadtcop mit gefährlich funkelnden Augen. Der steht plötzlich vor der Tür, nachdem es vorgeblich zu einer Verfolgungsjagd mit tödlichem Ausgang in der Nähe gekommen ist. Ein vorbestrafter Mann hatte gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen und sich auf der Flucht erschossen – vielleicht, um so dem Cop zuvorzukommen. An den Toten denkt Petra nicht (immerhin war der nur „irgendein Ex-Häftling“), stattdessen fühlt sie sich unwiderstehlich zu Officer Saint hingezogen. Es ist ein anderes Amerika, das Hoover hier entwirft, in dem weder George Floyd noch die ICE eine Rolle spielen und der sexy Officer bloß abweicht vom Klischee des trotteligen Donut-Cops.

Doch die Gegenwart scheint auch in Petras Hütte hinein. Mit ihrer Freundin Nora führt sie lange Gespräche über Sinn und Unsinn von Kritik. „Manchmal verdienen ausgerechnet die Leute, die behaupten, gegen Buchverbote zu sein, ihr Geld damit, Bücher öffentlich zu verreißen“, empört sich Nora, überzeugt, einen Widerspruch aufgetan zu haben. So halten sich die beiden Frauen an Banalitäten, um sich durch stark vereinfachte Diskurse über Identitätspolitik herumzunavigieren. Darf man überhaupt über einen gefährlichen Kleinstadtcop schreiben, der einen auf der Motorhaube seines Wagens zum Orgasmus bringt, wenn man dergleichen nie erlebt hat? Schon, meinen Nora wie ­Petra, aber träumen zugleich davon, alles einmal am eigenen Leib zu erfahren, was sie in ihrem Romance­storys beschreiben; obwohl sie ihre Figuren mitunter „durch die Hölle gehen ­lassen“.

Hoover versucht kleine Schritte raus aus der Romancesparte zu unternehmen

Gesagt, geschehen: Als wenige Nächte später tatsächlich jemand in ihre Hütte eindringt und sie brutal an einen Stuhl fesselt, steht ­Petra große Ängste aus, doch die Lust ist schließlich größer. Zwar ist sie durchaus schockiert, als sich der nächtliche Einbrecher als Officer Saint herausstellt, doch nachdem die Tränen versiegt sind, kommt es trotzdem zum Sex. Immerhin wollte Saint ihr nur helfen, ihre Schreibblockade zu überwinden, was auch klappt. Die beiden lassen sich auf ein gefährliches Spiel ein und nehmen die Handlung von Petras neuem Roman vorweg, noch während sie diesen verfasst.

Die Bestsellerautorin Hoover zielt erkennbar auf die Metaebene, versucht mit „Woman Down“ kleine Schritte raus aus der Romancesparte zu unternehmen. Der Roman sei „das Abgründigste, was ich je geschrieben habe“, so Hoover. Und abgründig ist er in der Tat. Dass Männer die Grenze zum Missbrauch immer wieder übertreten und dafür auch noch belohnt werden, lernt die Leserin hier; ebenso, dass die Sehnsucht nach Dominanz und Autorität noch heißer außerhalb des Schlafzimmers glüht. Nur, ihre Unschuld hat die Fantasie vom Mann in Uniform dieser Tage endgültig verloren.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen