Mädchen und Technik beim Girls Day: Einmal ist keinmal

Vivien Schleede ist ein Ass in Physik. Viermal war die Berlinerin beim Girls Day. Jetzt wird sie Mechatronikerin.

Beim Girls Day sollen Mädchen technische Berufe kennen lernen. Bild: dpa

BERLIN taz | Als Vivien Schleede das erste Mal in der Halle des Technischen Ausbildungszentrums der Daimler AG in Berlin-Marienfelde stand, war sie beeindruckt von den Maschinen und vor allem von der Aussicht, gleich zu erfahren, wie ein Motor funktioniert. Das war vor vier Jahren, damals war Vivien Schleede 13 Jahre alt und Schülerin der 8. Klasse. Ihr Physiklehrer hatte das technikbegeisterte Mädchen an einem Girls Day zu dem Unternehmen geschickt.

Eigentlich hatte sich Vivien Schleede nichts versprochen von dem Tag, an dem - so wie Donnerstag - Mädchen bundesweit in Betriebe, Universitäten, Behörden und Forschungszentren geschickt werden. Ein Jahr zuvor war sie das erste Mal beim Girls Day in einer Computerfirma. Das war eine Enttäuschung. "Wir haben einen Computer auseinandergebaut, ein paar Kekse bekommen, und das wars", sagt die 17-Jährige.

Bei Daimler konnte sie fräsen, bohren, stanzen. Auch in den nächsten beiden Jahren ging sie am Girls Day zu Daimler und entschied: Ich werde Mechatronikerin. Heute ist sie bei Daimler Auszubildende im zweiten Lehrjahr.

Am bundesweiten Girls Day, der heute zum zehnten Mal stattfindet, können Mädchen ab der 5. Klasse Einblicke in technische Berufe bekommen. Heute gibt es für über 120.000 Mädchen über 9.500 Veranstaltungen in Betrieben, Behörden und Unis. In einigen Städten gibt es für Jungs inzwischen äquivalente Boys Days.

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Wie eine Studie des Bielefelder Kompetenzzentrums Technik - Diversity - Chancengleichheit herausgefunden hat, reicht der Besuch eines Girls Days allein nicht aus, um Mädchen für technische Berufe zu interessieren. "Erforderlich sind vielfältige Aktivitäten", heißt es in dem Papier, das den Einstieg junger Frauen in Technikberufe untersuchte: Nötig seien Praktika, "Schnupperkurse" und wirklich nützliche Informations- und Medienangebote.

Das weiß auch Michael Thiele, Ausbildungsmeister im Technischen Ausbildungszentrums bei Daimler in Berlin. Er sagt: "Mädchen müssen spätestens in der 6. oder 7. Klasse gezielt gefördert werden, damit das technische Verständnis geweckt wird." Nicht einmal 3 Prozent beträgt der weibliche Anteil der Auszubildenden in Metallberufen, fand das Bundesinstitut für Berufsbildung heraus. Bei den Elektroberufen sind es 4 Prozent. Mädchen wählen nach wie vor "Frauenberufe". Laut Statistischem Bundesamt haben Mädchen im vergangenen Jahr am häufigsten Ausbildungen zur Einzelhandels- und Bürokauffrau, Verkäuferin und Friseurin begonnen.

Vivien Schleede trägt einen Blaumann und hat keine Angst vor Maschinen, die bis unter die Hallendecke reichen, souverän bedient sie eine Fräsmaschine. Ihr Schulabschluss, 10. Klasse: 1,6 - Physiknote: 1.

"Ich mache am liebsten alles selbst", sagt sie. Erst neulich hat sie sich einen Wäschemuff gebaut, mit Scharnieren und gepolstertem Oberdeckel, und einen Papierrollenhalter aus Holz.

Ihre Mutter hätte es gern gesehen, wenn Vivien Abitur gemacht hätte. "Aber ich ließ mich nicht umstimmen", sagt die Tochter. Die Mutter weiß, wie es ist, wenn Kinder das tun müssen, was die Eltern wollen. Sie selbst wurde zu einem Bürojob gezwungen, obwohl sie gern etwas Technisches gelernt hätte.

Seit Daimler zum Girls Day die Werkstore öffnet, ist die Zahl der Mädchen, die sich dort für eine technische Ausbildung bewerben, leicht gestiegen. "Momentan sind es 10 Prozent, wir wünschen uns mehr", sagt Michael Thiele, 51. Vivien Schleede ist eine von 15 weiblichen Lehrlingen, 115 Azubis sind es insgesamt.

Sind die Mädchen erst einmal da, "stecken sie die Jungs in die Tasche", sagt Michael Thiele. Vivien Schleede ist Jahrgangsbeste und Jugendvertreterin.

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