Lotters Transformator: Idiotensicher

Um in der großen Transformation nicht irre zu werden, braucht man vor allen Dingen den Mut zum fundamentalen Realismus. Und Selbstvertrauen.

Foto: Sandro Rybak

Von WOLF LOTTER

1 Deppen

Idiotensicher, das war mal gleichbedeutend mit einfach, so, dass jeder Depp es verstehen konnte. In Zeiten der Transformation hat sich auch das geändert. Idiotensicher ist ein System, dass trotz seiner Komplexität zugänglich ist, oder genauer: Gerade deswegen. Einfachheit ist nicht mehr Einheit und Einfalt, sondern Vielfalt. Dieses System heißt an dieser Stelle ganz grundsätzlich Wissensgesellschaft. Die heißt nicht so, weil alle alles besser wissen, sondern weil diese Gesellschaft neugierig ist und nicht auf alles eine Antwort hat. Sie will wissen, nicht recht haben.

»Dumm ist nur, wer Dummes tut.« Forrest Gump

Das wird schwierig, keine Frage, denn das hat in Deutschland nicht nur keine Tradition, sondern ist auch gegenwärtig ganz aus der Mode gekommen. Neugierde, die das, was ist, infrage stellt, ist hier ein wenig irre, verrückt, daneben. Die sie haben, sind gestört. Die Gestörten sind lästig. Opportunisten haben es gern übersichtlich, bleiben in Nischen und Bubbles, bei ihren Lagern und Ideologien. Lenin nannte sie, zu Recht übrigens, nützliche Idioten. Bei den alten Griechen waren das die Privatmänner, die sich nicht für öffentliche Fragen interessierten. Heute sind das alle (m/w/d), die glauben, sie wüssten Bescheid. Bescheid wissen ist unkritisch und überdies unpolitisch im eigentlichen Sinne, denn es setzt voraus, dass man gar nicht mehr wissen will, was außerhalb seiner eigenen Konstruktion geschieht. In der Wissensgesellschaft gilt überall der Forrest-Gump-Satz: »Dumm ist nur, wer Dummes tut.«

2 Eier

Erich Fromm hat 1977 in einem Interview gesagt: »Die Normalen sind die Kranken – und die Kranken sind die Gesunden.« Letztere zeigten wenigstens, dass etwas nicht stimme mit ihnen, während die »Normalos« so verrückt seien, dass sie in einer irren Welt Karriere machen. Die meisten Deutschen glauben an die Industriegesellschaft und die Vollbeschäftigung und ein soziales und kulturelles System, dass im 19. Jahrhundert für Fabriken erdacht wurde.

Ideologie funktioniert, wenn man sie sich gar nicht erst bewusst macht, sondern nach ihrer Pfeife tanzt. Das hat Vorteile. Man sagt Vollbeschäftigung und meint Arbeitszwang. Oder man behauptet, dass das, was ist, nicht anders sein kann, weil man es immer schon so gemacht hat. Dann merkt man, dass was aus der Bahn läuft. Man verwaltet das Problem aber lieber, statt es zu lösen – Transformationspolitik, die ins Leere plaudert. In Woody Allens Film Annie Hall wird folgender Witz erzählt:

»Kommt ein Mann zum Arzt und sagt: ›Herr Doktor, Sie müssen mir helfen.‹

›Na klar, was ist denn los?‹

›Es geht um meinen Bruder. Er ist verrückt.‹

›Was hat er denn?‹

›Er glaubt, er ist ein Huhn.‹

›Ein Huhn, naja, das ist schwierig, das ist wirklich verrückt. Haben Sie schon mal daran gedacht, ihn einzuweisen?‹

›Das ist ja das Problem. Das kann ich nicht! Ich brauch doch die Eier!‹«

Die Pointe ist klar: Man kann nicht anders. Wir haben es noch nie anders gemacht. Was kann ich schon ändern? Die alte Leier.

Und die Oberpointe: Verrückt ist, wer nicht merkt, was ist, und bei dem bleibt, was war. Man braucht einen grundlegenden, radikalen, fundamentalen Realismus, den Willen zum Verstehen dessen, was ist, um dem zu entrinnen. Das ist Arbeit. Und es setzt vieles voraus: Den Abschied des alten, industriegesellschaftlichen Links- und Rechtsdenkens, dem alten Ping-Pong-Spiel, bei dem nichts Neues rauskommt. Den Abschied von einer identitären Denkart, bei dem man nur hört, was man will, und nichts mehr dazulernt. Den Abschied von der Vorstellung, man sei nicht selbstverantwortlich und habe für seine Selbstbestimmung nichts zu tun. Doch. Jede und jeder hat alle Hände voll damit zu tun, sich gegen die neue Vereinnahmung und Vereinheitlichung zu wehren. Abweichung, Differenz ist eine Ressource, kein Defizit.

Nachdem die scheinbar neuen politischen Bewegungen sich aber ahnungslos an den alten kollektivistischen Lagerdenken bedienen, die das 19 Jahrhundert geprägt (und die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ermöglicht haben), laufen sie in die Irre. Sie sind verrückt. Fundamentaler Realismus würde sagen: Woher kommen die Eier? Und was tun wir, dass diejenigen, die glauben, sie zu brauchen, nicht auf der Strecke bleiben. Verrückt sind auch die neuen Eliten, die meinen, man könnte die Reste der Industriegesellschaft im Feuilleton und auf Twitter wegschreiben. Auch Postmaterialismus muss man sich erstmal leisten können.

Transformationsarbeit ist verrückt, wenn sie das nicht begreift. Die Verhältnisse lassen sich nicht ersatzlos »abschaffen«, das ist infantiles Geschwätz. Sie lassen sich nur verändern, und dieses Verändern muss allen – übrigens auch an materiellen Möglichkeiten – mehr bringen als das, was ist. Diese einfache Wahrheit kann man ignorieren, aber nur, wenn man es sich leisten kann, weil andere dafür bezahlen. Das ist voraufklärerisch. Die Transformation braucht ein fundamental realistisches Menschen- und Weltbild, das hat sie weitgehend nicht. Moralisieren ist verrückt, fragen und verstehen wollen der Goldstandard. Was ist?

3 Fleiß

Seit den 1970er-Jahren ist die Industrie und ihre Bedeutung für die deutsche Wirtschaft wie in allen OECD-Ländern dramatisch zurückgegangen. Je nach Berechnungsart liegt der Anteil der Industrie am deutschen BIP zwischen 20 und 24 Prozent, also ein Drittel dessen, was man als »Dienstleistungssektor« bezeichnet. Irreführend sind die Statistiken sowieso, denn sie erfassen nicht den Anteil der Wissensarbeit an beiden Sektoren. In der Produktion arbeiten nur mehr wenige. Automatisierung, und auch die Digitalisierung gehört hier dazu, sorgt für menschenleere Fabriken. Die Arbeit ist Kopfarbeit geworden. Wir aber handeln wie der Eiermann: Wir tun so, als ob alles, was geschieht, sich nur an der Fabrikgesellschaft und ihren veralteten Organisationsformen ausrichten sollte. Das gilt für die Arbeit, die Ausbildung, das Leben. Und für die Politik. Statische Parteien, die in eine Welt, die mit Komplexität und Vielheit umgehen sollte, nicht passen. All das gibt es, weil es den Insassen, den Verrückten, jene Scheinsicherheit gibt, für die vor allen Dingen künftige Generationen die Rechnung zahlen.

Die ökologisch und sozial wahnwitzige »Industria«, der »Fleiß« also, hat als Produktionsfaktor längst ausgedient. Es geht nicht um mehr vom Gleichen, sondern – in den seit Jahrzehnten weitgehend gesättigten Märkten – um immer mehr persönliche Bedürfnislösungen. Jenes ominöse qualitative Wachstum, von dem so gern geredet wird, und dass die Welt der schieren Masse und Menge abwechseln soll, die die Industrie hinterlassen hat – es ist nichts weiter als das, was zu der und zu dem Einzelnen besser passt.

Qualität ist keine Frage der Norm, sondern der persönlichen Erwartungen. Genau mit dieser Ökonomie verdient man heute seine Eier. Nun könnte man darangehen, das in der Tageschau und in den Medien und in den Schulen allmählich ein wenig in Verkehr zu bringen, wäre man dort dazu in der Lage. Doch die, die sich gemeinhin als Therapeuten der Transformation aufspielen, und die, ganz zu Recht, drauf hinweisen, dass jemand, der glaubt, dass sein Bruder kein Huhn ist, aber trotzdem Eier legen kann, verrückt ist, haben selbst einen an der Klatsche. Eine Fleißkultur, bei der man nur im Hamsterrad denkt und den immer gleichen Stiefel macht, ist dabei nur ein Ergebnis. Keine kulturellen und sozialen Innovationen wagt und sich wundert, dass es auch mit den technologischen Neuerungen nicht klappt.

Dieses System ist sicher verrückt.

Foto: Illustration: Sandro Rybak

5 Geschichte

Wir brauchen erstmal gute Therapeuten, um die Transformation zu verstehen, erstmal zu begreifen, was ist. Ein guter Therapeut lässt nicht einweisen, sondern versucht zu verdeutlichen, dass Geschwister keine Eier legen, wenn also Eier gebraucht werden, kommen die von anderswo her, die Frage ist jetzt: Woher?

Das Legehuhn des 21. Jahrhunderts ist die Wissensökonomie, sie verlangt die Zuwendung zu Vielfalt, positiver Differenz und nach einer Arbeitskultur, in der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung das Sagen haben, nicht mehr das Mitlaufen im Hamsterrad. Man kann das eine nicht ohne das andere haben. Wissensgesellschaft bedeutet: Wir hören auf, Probleme zu verwalten und ihre Existenz zu bedauern. Wir fangen an, sie zu lösen. Jede und jeder, so gut er kann.

Solche Analyse würde recht schnell dazu führen, die Konturen der neuen Zeit besser zu verstehen, etwa den Umstand, dass Kopfarbeit und damit originelles Denken heute wichtiger ist als das Abspielen von Routinen. Dann müsste man auch sehen, dass es gar keiner Appelle zum industriellen Rückbau bedarf, weil sich der von selbst tut. Es geht um Umbau. Das ist Transformation. Rückbau ist kläglich, ängstlich, klein, rüberrettend – ein bisschen Grün in den Beton statt den Beton ganz wegzulassen und Besseres zu denken. Dazu muss man aber selbst denken und nicht ständig mitbrabbeln. Erwachsen sein. Erwachsen handeln – Robert Pfaller lässt grüßen.

Transformation wird, wie Selbstbestimmung, nicht gewährt. Freiräume werden es auch nicht. Man nimmt sie sich. Klug ist, wer seine eigene Geschichte schreibt.

Wirklich irre ist, wer das nicht verstehen will.

WOLF LOTTER ist Autor zum Thema Transformation. Bücher zu diesem Thema von ihm sind: »Zivilkapitalismus. Wir können auch anders.« (2013), »Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken.« (2018) und »Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen.« (2020). Er ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins brand eins und dessen langjähriger Leitessayist.