Lehman-Debakel bei KfW: Staatsbank schasst zwei Vorstände

Die KfW zieht Konsequenzen aus dem Versenken von 536 Millionen Euro in die bankrotte Lehman-Bank - und suspendiert zwei Vorständler. Die KfW-Tochter IKB geht derweil an eine Heuschrecke.

Urteilsverkündung vorm Eingang:Glos und Steinbrück stellen sich der Presse. Bild: dpa

BERLIN dpa/ap Fast fünf Stunden lang rauchten im KfW-Verwaltungsrat die Köpfe. Dann war Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) klar, dass ein Bauernopfer zur Bereinigung der Lehman-Panne nicht ausreichen würde. Der Fehler, der die Staatsbank mit einer einzigen Überweisung 300 Millionen Euro kostete, und der öffentliche Druck waren zu groß.

Dafür müssen die KfW-Vorstände Detlef Leinberger und Peter Fleischer den Kopf hinhalten. Aus der zweiten Reihe trifft es einen Bereichsleiter. Alle dei wurden suspendiert. Laut KfW-Sprecher Wolfram Schweickhardt summiert sich der Gesamtschaden inzwischen auf 536 Millionen Euro.

Steinbrücks Analyse war eine Ohrfeige für die KfW- Spitze: Das Risikomanagement habe total versagt. Schon seit Ausbruch der Krise bei der KfW-Tochter IKB fordert die Opposition, dass das Frankfurter Förderinstitut schärfer kontrolliert werden muss.

Während draußen am noblen Berliner Gendarmenmarkt Dutzende Journalisten auf das Ende der Krisensitzung warteten, ging es hinter verschlossenen Türen zur Sache. Die Spitze des KfW-Verwaltungsrates bereitete zunächst in kleiner Runde am frühen Nachmittag die Personalien vor. Chefkontrolleur Glos drang darauf, dass auch der Vorstand nicht ungeschoren davon kommen dürfe. Hessens Regierungschef Roland Koch (CDU) sagte, die Empörung der Bürger sei verständlich.

Im siebenköpfigen Präsidialausschuss senkte sich der Daumen schließlich über Leinberger und Fleischer. Besonders sauer waren Steinbrück & Co. auf Leinberger. Der 59-Jährige sitzt seit 1999 im KfW-Vorstand und ist für das - gerade in Krisenzeiten - besonders sensible Risikomanagement zuständig. Warum niemand in der Staatsbank auf die Idee kam, rechtzeitig alle Zahlungen an Lehman zu stoppen, konnte der KfW-Mann wohl nicht plausibel begründen.

So nahm das Debakel seinen Lauf. Der KfW-Computer überwies am Montag die Millionensumme nach New York, obwohl die Spatzen die nahende Insolvenz der Wall-Street-Legende längst von den Dächern pfiffen. Die KfW machte sich so zum Gespött der Nation.

Am neuen KfW-Chef Ulrich Schröder ging der Kelch noch einmal vorbei. Im Verwaltungsrat sei es einhellige Meinung gewesen, dass man ihm erst drei Wochen nach Amtsantritt diese Fehlzündung nicht anlasten könne. Dennoch dürfte der aus Düsseldorf geholte Hoffnungsträger bereits angeschlagen sein.

Erstaunlich wenig Gegenwehr gab es im 37-köpfigen Verwaltungsrat gegen den Verkauf der IKB an die US-"Heuschrecke" Lone Star. Nur der FDP-Abgeordnete Jürgen Koppelin und seine Grünen-Kollegin Christine Scheel sollen dagegen gestimmt haben. Sie wittern Unregelmäßigkeiten. Steinbrück hatte immer einen Kaufpreis bis 800 Millionen Euro genannt.

Am Ende ging die IKB mit ihrer für Lone Star wertvollen Datei an Mittelstandskunden für nur 115 Millionen Euro über den Tisch. Finanz- und Wirtschaftsministerium beschwichtigen. Lone Star habe dafür erhebliche Risiken in den IKB-Büchern übernommen. Andere Bieter wie die schwedische SEB-Bank seien dazu nicht bereit gewesen.

FDP, Grüne und Linke drohen mit einem Untersuchungsausschuss zur IKB im Bundestag. Im Scheinwerferlicht der Kameras müssten Steinbrück, Glos und prominente Bankmanager Auskunft über das Geschäftsgebaren von IKB und Branche geben. Ob es dieses Tribunal geben wird, hängt entscheidend von den Liberalen ab.

Die FDP, die gute Kontakte zur Bankenwelt pflegt, will erst den inzwischen fertigen Bericht des Bundesrechnungshofes (BRH) auswerten. Die Rechnungsprüfer hätten aber kein Fehlverhalten der Regierung ermittelt, heißt es. Jedoch beleuchtet das Gutachten nur die Kontrolle der IKB bis Mitte 2007. Die milliardenschweren Rettungspakete und der von der Opposition monierte Verkauf an Lone Star wurden also gar nicht geprüft.

Auch einigen Politikern im Koalitionslager aus Union und SPD ist bei dem Geschäft nicht wohl. Unklar ist, wer Geld bei der IKB nachschießt, falls weitere Löcher auftauchen - Lone Star oder der Bund? Die Opposition befürchtet, der Bund habe klammheimlich weitere Garantien bis zu drei Milliarden Euro angeboten, damit der Verkauf nicht platzt. Der von der Regierung bereits am Donnerstagabend verkündete Schlussstrich unter das für den Steuerzahler teure KfW/IKB-Kapitel dürfte damit noch lange nicht gezogen sein.

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