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Leben im Untergrund

Als vor 67 Jahren, am 9. November 1938, in der antijüdischen Pogromnacht die Synagogen brannten, war dies nur ein weiterer Schritt von der Entrechtung der Juden bis zu ihrer systematischen Ermordung. Bereits 1935 waren mit den Nürnberger Rassegesetzen so genannte Mischehen zwischen „Ariern“ und Juden verboten und entsprechende sexuelle Beziehungen unter Strafe gestellt worden.

Am 9. November wurden rund zweitausend Synagogen und siebentausend Geschäfte zerstört; dreißigtausend Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Bis zum Beginn des Kriegs 1939 waren Juden weitgehend aus dem geschäftlichen Leben gedrängt worden: Ihre Fabriken, Geschäfte und Büros wurden „zwangsarisiert“, jüdischen Ärzten war nur noch die Behandlung von Juden erlaubt.

Die systematische Ermordung begann kurz nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Als Erstes war die dort lebende Bevölkerung betroffen, die den Erschießungsaktionen von Einsatzgruppen, Ordnungspolizei und Waffen-SS zum Opfer fiel. Vom 23. Oktober 1941 an war deutschen Juden die Auswanderung verboten. Wenige Tage zuvor begannen die Deportationen aus Deutschland – zunächst ins Ghetto Lodz. Im November 1942 begannen die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz.

Ausgenommen von der Deportation waren so genannte Halbjuden, die zur Zwangsarbeit abkommandiert wurden, sowie in „Mischehe“ lebende Menschen. Doch manche Gestapo-Leitstellen hielten sich nicht an diese Regelung und verschleppten auch jüdische Ehepartner – wie im Falle von Beate Kranz, der Mutter von Leonie Frankenstein.

Wer sich der Ermordung entziehen wollte, dem blieb nur ein Leben im Untergrund oder die Flucht. Wenigen Juden gelang es, illegal die neutrale Schweiz zu erreichen. Ohne eine Bleibe, ohne Papiere und Lebensmittelkarten waren die „U-Boote“, wie sich die Versteckten selbst nannten, auf die Unterstützung durch nichtjüdische Nazigegner angewiesen.

Die 1901 geborene Edith Berlow, spätere Hirschfeld, etwa half nicht nur der Familie Frankenstein, sondern vielen anderen Juden. Zudem arbeitete sie in der Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ mit, der auch Juden angehörten. Sie entkam der Gestapo und lebte nach dem Krieg zunächst in den USA, später in Westberlin und starb 1995.

Artur Ketzer, ein anderer Helfer der Frankensteins, kam im Oktober 1944 wegen „Judenbegünstigung“ in Gestapo-Haft. Er überlebte und starb 1980 in Bayern. Auch Arthur Katz, der Walter Frankenstein eine Bleibe in Berlin vermittelte, überlebte die Nazijahre. Er starb 1986 in England. Seine Braut Vera Durra dagegen wurde 1943 bei einer Razzia verhaftet und kurz darauf in Auschwitz ermordet.

Die Holocaust-Forschung geht davon aus, dass ein Großteil der illegal versteckten Juden nicht überlebt hat. Einige fielen den Bombenangriffen zum Opfer; viele wurden Opfer der Gestapo, die mit besonderen Greiftrupps die Juden in Berlin jagte. Ihre gefährlichste Waffe war Stella Kübler. Sie, selbst versteckt lebende Jüdin, war von den Nazis festgenommen worden und wurde zur Mithilfe erpresst. Da Kübler die Lebensgewohnheiten der „U-Boote“ gut kannte, fielen ihr hunderte Versteckte zum Opfer.

Nach dem Krieg wurde Stella Kübler, das „blonde Gift“ (so Überlebende), beim Versuch, als Opfer des Faschismus registriert zu werden, erkannt und festgenommen. Die Sowjets verurteilten sie zu zehn Jahren Lagerhaft. Stella Kübler beging 1994 im Alter von 72 Jahren Selbstmord.

KLAUS HILLENBRAND