Landtagswahlkampf in Bayern: CSU will wieder Schule machen

Bildung ist ein Topthema im bayerischen Landtagswahlkampf. Auch die aufs Schulsystem stolze CSU kann sich dem nicht entziehen. Doch die Unzufriedenheit bei den Wählern wächst.

Welche Farbe hat die CSU? Bild: dpa

Wenn sie am Wahlkampfstand steht im Münchener Stadtteil Schwabing, dann hat Isabell Zacharias das Gefühl, es bewegt sich was in den Köpfen der Menschen. "Zu mir kommen auch Eltern, die CSU wählen würden, aber wegen deren Schulpolitik sagen, sie stimmen für mich."

Die Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes kandidiert bei der Landtagswahl am 28. September für die SPD. Im liberalen Schwabing sind die Pläne der Partei für längeres gemeinsames Lernen und ein Ende der staatlichen Sortiererei nach der vierten Klasse keine linken Spinnereien, sondern werden wohlwollend aufgenommen.

"Die Eltern spüren einfach, dass Druck und Auslese so nicht funktionieren", sagt Zacharias. Bildung ist das Kernthema der SPD im bayerischen Wahlkampf. Da sind die Sozialdemokraten nicht allein. Die Freien Wähler fordern "Kleinere Klassen. Jetzt", die Plakate der Grünen zeigen einen erschöpften Grundschüler, der über einem Berg Hefter und Hefte zusammengesunken ist. Auch die seit 46 Jahren regierende CSU hat die Bildungspolitik als Wahlkampfthema für sich entdeckt.

"Die Bedeutung hat enorm zugenommen, Bildung ist eines der Topthemen im CSU-Wahlkampf", schätzt die CSU-Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner ein. Das ist eine erstaunliche Aufwertung im Wahlkampfkanon der Partei, die das bayerische Schulsystem - mithin ihr eigenes - als vollkommen preist und kaum Änderungsbedarf sieht. Beim Pisa-Ländervergleich punkten bayerische 15-Jährige vor Schülern aus anderen Bundesländern. Die Hauptschulen haben den Ruf, tüchtige Handwerker und Arbeiter zu entlassen und keine Verlierer und schwer Vermittelbaren.

Doch die Schönheitsfehler im Vorzeigesystem lassen sich durch Pisa-Erfolge allein nicht mehr kaschieren: 8 Prozent der bayerischen Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss, in keinem anderen Bundesland ist der Bildungserfolg so eng an die soziale Herkunft geknüpft: Je niedriger der soziale Status der Eltern, umso geringer sind die Chancen eines Kinds, aufs Gymnasium zu kommen.

Als eines der letzten Bundesländer lässt Bayern den Eltern kein Mitspracherecht bei der Wahl der weiterführenden Schule. Es kommt auf die Zensuren des Kindes und die Empfehlung der Grundschule an. "Auch Kinder von CSU-Eltern sind nicht gegen den Druck in der vierten Klasse gefeit", meint die Elternverbandsvorsitzende Isabell Zacharias.

Ein Murren über die strengen Ausleseregeln ertönt selbst aus den Reihen des Katholischen Elternverbandes, der ansonsten kreuzbrav hinter der CSU und dem dreigliedrigen Schulsystem steht: "Die Wahl der weiterführenden Schule sollte man den Eltern überlassen, die werden nach guter Beratung schon eine vernünftige Entscheidung treffen", sagt Verbandssprecher Bernhard Huber. Man verschleiere sonst Probleme, indem man den Eltern eine Schulform aufdrücke.

"Wenn die Hauptschule nicht gewählt wird, ist sie eben nicht mehr attraktiv", meint Huber fast schon rebellisch. Zudem sorgen die Nachwehen der auf acht Jahre verkürzten Gymnasialzeit, die Edmund Stoiber nach der letzten Wahl hastig verfügte, und übervolle Klassen für Wähler-Unmut.

Mit kleinen Änderungen will die CSU die Stimmung der Eltern heben und das Althergebrachte bewahren. Zum Wahlkampfauftakt hat Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) angekündigt, mittelfristig nur noch maximal 30 Schüler pro Gymnasialklasse und 25 Schüler in Grundschulen lernen zu lassen. Die achtjährige Gymnasialzeit, das G 8, steht nicht mehr im heftigsten Kreuzfeuer der Kritik, seitdem das Kultusministerium die Lehrpläne gekürzt hat.

Zweitrangig ist derzeit die Frage, wie es mit den Hauptschulen weitergeht. In den strukturschwachen Regionen an der Grenze zu Thüringen und Tschechien stehen viele kleine Hauptschulen vor der Schließung, weil Familien in prosperierende Gebiete abwandern. Um die Schulen zu halten, plädiert der größte bayerische Lehrerverband dafür, Haupt- und Realschüler nach der vierten Klasse nicht mehr zu trennen und die Schulformen zusammenzulegen.

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