Kurator über internationales Theater: "Das Festival ist kein UFO"

Ausgerechnet Halle: Am 19. Juni beginnt dort das Festival Theater der Welt. Ein Gespräch mit dem Kurator Torsten Maß über die Verankerung internationalen Theaters im lokalen Kontext.

"X(ics) - Grausame Erzählungen der Jugend": Das Ensembles Motus aus Italien hat in Halle Neustadt Jugendliche gecastet und Rockbands gesucht. Bild: END & DNA

taz: Herr Maß, das Festival Theater der Welt hat bisher immer in den großen Städten Deutschlands gespielt, zuletzt 2005 in Stuttgart. Wie kommt es nach Halle, einer doch mit 220.000 Einwohnern eher kleinen Stadt?

Torsten Maß: Das war die Idee von Kulturminister Bernd Neumann. Der meinte, ein gutes Merkmal unseres föderalen Gemeinwesens sollte doch sein, dass so etwas Gutes wie dieses Festival nicht nur immer in den Großstädten stattfindet. Hannover bewarb sich zuerst, bis sich die Sparfüchse im Stadtrat einmischten, denn ein Drittel der Finanzierung des Festivals kommt immer von der Stadt. Das war 2005. Zu der Zeit hatte Halle gerade eine Niederlage erlitten im Wettbewerb um die Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas. Dieser Schmerz ließ die Stadt über sich hinauswachsen, und die damalige Bürgermeisterin sagte, wir wollen das "Theater der Welt".

Sie sind ja seit 2002 in Halle vor Ort, als Leiter der Allgemeinen Projektförderung bei der Kulturstiftung des Bundes. Zuvor haben Sie über 20 Jahre für die Berliner Festspiele die Welt des internationalen Theaters erkundet. Ist Ihnen der Auftrag als Leiter deshalb zugefallen?

Nein. Ein Jahr lang hatte man nach der ersten Euphorie experimentiert, fünf Kuratoren gaben sich im Zweimonatstakt die Klinke in die Hand, sagten erst zu und dann aus verschiedenen Gründen wieder ab. Dann sprach der Kulturminister Bernd Neumann ein Machtwort, zumal der Bund auch ein Drittel finanziert. Da wurde ich abgeordnet.

Auf welche Erfahrungen mit Theater treffen die Gastspiele denn dort? Halle ist ja nicht gerade für Internationalität bekannt.

Aber sie haben Erfahrung mit 24 Jahren Theaterarbeit von Peter Sodann als Intendant. Vor dessen Lebenswerk ziehe ich den Hut. Er hat aus fünf Abrisshäusern eine Kulturinsel geschmiedet. Seine Schauspieler mussten alle einen Zweitberuf haben, Elektriker, Maurer, Schreiner, um dieses Haus zu bauen. Das hat auch viel Kraft gekostet, viel Energie für den Blick auf Theater anderswo blieb da nicht.

Gerade deshalb erstaunt es, dass die Stadt die Mittel für ein solches Festival aufbringt.

Das gab schon extreme Situationen zu Anfang. Ich hatte mit der Arbeit angefangen, da bekam ich einen Anruf aus dem Rathaus, "Herr Maß, kommen Sie mal schnell, die Bürgermeisterin möchte etwas mit ihnen besprechen." Sie wollte Hilfe bei der Formulierung der Absage, wegen Geldmangels. "Liebe Frau Oberbürgermeisterin, Sie begehen gerade den Irrtum ihres Lebens, Sie werden als Verliererin in die Geschichte eingehen", habe ich ihr geantwortet. "Das können wir nicht mehr absagen." Von den 750.000 Euro, die die Stadt hätte zur Verfügung stellen sollen, hatten sie ungefähr 350.000. Da habe ich mich verpflicht, die übrigen 400.000 zu finden. Und aus der Akquise dieser 400.000 sind jetzt 700.000 in Cash geworden, plus 300.000 in Sachmitteln, macht eine Million. Das hier ist diese Million (sagt Maß und zeigt auf die 34 Logos von Firmen und Institutionen auf dem Leporello des Festivals).

Hat die Aktion des Geldsammelns der Stadt nicht erst recht Angst gemacht?

Im Gegenteil, dass ich die Industrie überzeugen konnte, Geld zu geben, hat einen Stimmungswechsel ausgelöst: Aus einer freundlichen Ablehnung, "brauchen wir nicht, kennen wir nicht, und Fremdsprachen, ach nee", wurde eine positive Haltung der Identifikation.

Dieses Jahr hat einen ungeheuer dichten Festivalsommer: die Biennale in Wiesbaden mit "Neuen Stücken aus Europa", die Biennale in Bonn mit Theater aus Istanbul. Wird einem bei dieser Konkurrenz nicht bange?

Erstens haben wir 26 Produktionen, davon tragen 24 das Markenzeichen "neu": Darunter sind 14 Uraufführungen und 10 europäische Erstaufführungen. Dadurch wird weltweit das Interesse von Journalisten und Fachpublikum geweckt. Der zweite Punkt ist, dass alles, was wir in Halle zeigen, im Kalenderjahr 2008 auf keinem anderen Festival in Deutschland läuft. Das dritte Alleinstellungsmerkmal ist: Die Hälfte der Produktionen entsteht in Zusammenarbeit mit Institutionen in Halle oder mit Laien und Profis aus der Stadt und der Region. Damit die Region versteht, das ganze Ding ist kein UFO, das eigentlich für Berlin oder Hamburg bestimmt war und aus Treibstoffmangel hier notlandet.

Viele der eingeladenen Künstler kannten aber sicher Halle noch nicht und müssen jetzt die Stadt zum Thema machen. Ist das nicht erzwungen?

Jetzt haben wir acht Artist-in-residence-Gruppen, die bis zu vier Wochen in Halle sind und Themen aufgreifen, die vor Ort relevant sind; zum Beispiel die einzigartige Geschichte von Halle-Neustadt. Halle-Neustadt entstand in den Sechzigerjahren, als die DDR entschied, hier wird der neue Mensch gebaut. Das war nur eine Schlafstadt, 100.000 Leute fuhren mit dem ersten Zug um sechs in die Chemieindustrien nach Buna, Leuna, Bitterfeld, und die Mütter folgten eine Stunde später, weil sie die Kinder erst in die Krippe brachten. Die Altstadt ließ man völlig verfallen. Dann kam 1989 und die wahnsinnige Geschichte, dass Vater Helmut Kohl seinem Duzfreund François Mitterrand ja Buna, Leuna, Bitterfeld geschenkt hat.

Wieso Mitterrand beschenkt?

Die Treuhand hat diese Staatsbetriebe verkauft an Elf Aquitaine und die dann weiterverkauft an Total. Was zur Folge hatte, dass 95 Prozent der 100.000 Arbeiter, für die Halle-Neustadt gebaut worden war, mit der Entwicklung nicht Schritt halten konnten und entlassen wurden. Der Steuerzahler sitzt bis heute auf den Sozialkosten davon. Diese gesamte Problematik der Wiedervereinigung hat man hier wie unter einem Brennglas. Die Wolkenkratzer, die gebaut wurden, sind zum Teil verweist, denn junge Leute, junge Frauen vor allem, zogen weg. Das führt zum doppelten Frust, die jungen Männer finden weder Jobs noch Lebenspartner. Vor diesem Hintergrund setzt das Projekt des Ensembles Motus aus Italien ein, die in Halle Neustadt Jugendliche gecastet und Rockbands gesucht haben.

Deren Stück "X(ics) - Grausame Erzählungen der Jugend" dreht sich zugleich um Städte in Frankreich und Italien.

Das ist konzipiert als Triptychon. Sie konfrontieren Jugendliche aus den Vorstädten mit denen aus dem Zentrum. Da steckt die Frage dahinter: Warum brennen die Vorstädte, speziell in Frankreich. Im ersten Teil wurden Jugendliche aus Mestre und Venedig verbunden, im zweiten Teil in Valence in Frankreich. Valence hat Marseille den Rang abgelaufen als Waffen- und Drogenumschlagsplatz. Filme von dort, die später in die Performance integriert werden, haben sie den Jugendlichen hier gezeigt, das stieß auf enormes Interesse.

Das klingt medial sehr anspruchsvoll.

In einer leichteren Liga spielen die Stadtverführungen, die haben eher den Duktus einer Münchhausiade. Die Geschichten beginnen historisch genau und heben dann ab. Zum Beispiel weiß jeder Historiker, dass Napoleon 1806 Halle besuchte, aber niemand weiß, dass zwei Studenten der Martin-Luther Universität, tief gedemütigt durch die Niederlage bei Jena und Auerstädt, ein Attentat auf ihn vorhatten.

Nach einem Begriff gefragt, der die eingeladenen Produktionen verbindet, haben Sie "Erkenntnis" vorgeschlagen. Wie ist das gemeint?

Also, die Eröffnung machen wir mit einem Spektakel, das von sehr weit, aus Indien herkommt, "Die Manganiyar-Verführung". Das kommt aus einer nördlichen Provinz, Rajasthan, nahe der Wüste Thar. Dort lebt ein Volksstamm, die Manganiyars, der besteht ausschließlich aus Künstlern. Wenn sich zwei Manganiyars in der Wüste Thar begegnen, tanzen sie zusammen oder singen. Sie verdienen ihr Geld mit Auftritten bei privaten, politischen und religiösen Festen. Sie sind Moslems, preisen aber gleichzeitig die hinduistischen Götter und singen das Lob des abendländischen Gottes. Der Höhepunkt ihrer Show ist, dass sie singen: Allah, schenke uns das Alphabet der Liebe, damit wir es weitergeben an alle Besucher vom Theater der Welt. Das ist eine so wunderbare Konstellation, weil sie dem religiösen Fundamentalismus widerspricht und damit einen Weg zeigt, wie man einer der größten Geiseln der Menschheit entkommen könnte. Da steckt sehr viel Erkenntnis dahinter.

Zur Zeit des Festivals läuft die Fußball-Europameisterschaft. Aber darauf hat das Theater auch eine Antwort.

Die heißt 22. Juni 1974, 21.03 Uhr. Denn an diesem Tag, zu dieser Stunde fiel ein Schuss, abgegeben von Jürgen Sparwasser. Der traf die alte Bundesrepublik tief ins Herz, denn Sparwasser besiegte Beckenbauer. Nun werden wir am 22. Juni 2008 dieses Match rekonstruieren, im Kurt-Wabbel-Stadion Halle, mit einem einzigen verrückten Performer aus der Schweiz, Massimo Furlan. Jeder Zuschauer hat ein Transistorradio mit zwei Kanälen und auf dem einen hört er die BRD-O-Ton-Reportage von Heribert Faßbender, auf dem anderen hört er die Original-DDR-Reportage von Werner Eberhard. Furlan macht genau nur das, was Sparwasser vor 34 Jahren gemacht hat, wie ein Tänzer, der eine Choreografie der Vergangenheit gelernt hat.

INTERVIEW: KATRIN BETTINA MÜLLER

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