Kunstszene: Blüten an der Heide

In die Ödnis hinter dem Hauptbahnhof zieht neues Leben ein: Die Heidestraße soll zum hippen Kunstviertel werden. Viele Galeristen sind schon da.

Kulturelle Strahlkraft: Die Heidestraße beginnt gleich hinterm Hauptbahnhof Bild: Reuters

Die Zukunft liegt in der Heidestraße Nummer 46, genau zwischen einem Kfz-Sachverständigen-Büro und dem "Elektrogroßhandel für Profis". An der vielbefahrenen Verkehrsachse hinter dem Hauptbahnhof drängt sich Kunstpublikum vor einer schlichten Halle. Diese trägt in großen Lettern die Aufschrift "Haunch of Venison", zu Deutsch Rehkeule. Drinnen, im neuen Berliner Sitz der renommierten Londoner Galerie, ist alles strahlend weiß und signalisiert Aufbruch.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet hier das Programm zum Kunstherbst 2007 vorgestellt wird, der am 29. September beginnen wird. Auf dem Podium sprechen die Tourismusagentur "Partner für Berlin", Kuratoren und Künstler viel von Chancen, Potenzialen und Freiräumen für Kreativität. Damit meinen sie nicht zuletzt die Heidestraße, die als die neueste und heißeste Kunstadresse der Stadt gilt. Im Hinterland des Hamburger Bahnhofs, inmitten von Möbelmärkten, Gewerbehallen und Brachflächen, entsteht ein neues Galerien- und Atelierviertel.

Zu den Künstlern, die hier seit Jahren in trauter Eintracht mit den Gewerbetreibenden in ihren Ateliers arbeiten, gesellen sich in letzter Zeit kommerzielle Kulturarbeiter wie die bekannten Graft-Architekten, die Frankfurter Galerie Schuster und die Londoner Haunch of Venison. Immer mehr Galeristen zieht es aus dem überfüllten Kunststandort Mitte in die Ödnis hinter dem Hauptbahnhof. Am Kanal, gegenüber den Rieck-Hallen, will der Galerist Kristian Jarmuschek zusammen mit dem "Wohnmaschine"-Gründer Friedrich Loock gleich ein ganzes Galeriehaus eröffnen. Nach dem 1,7 Millionen Euro teuren Umbau sollen nächstes Jahr auf 2.500 Quadratmetern acht Galeristen und ein Sammler ihre Kojen beziehen.

Die Eigentümerin des Geländes, der Bahn-Immobilienentwickler Vivico, gab Jarmuschek einen Mietvertrag für zehn Jahre. Denn auch Vivico glaubt daran, dass die Kunst das Viertel aufwerten und kaufkräftige Investoren anlocken wird. "Als Auftakt für die Gegend ist Kunst eine attraktive Nutzung", sagt Vivico-Sprecher Markus Diekow. Der geplante "Kunst-Campus" könne neben dem Galeriehaus auch die Skulpturensammlung des Hamburger Bahnhofs umfassen, die sich Museumskurator Eugen Blume schon lange hinter seinem Mutterhaus wünscht. Mit Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) habe man auch schon über eine städtische Kunsthalle gesprochen, so Diekow. Doch die Senatspläne dafür seien "noch nicht sehr weit gediehen."

Noch gibt es viel Platz an der Heidestraße, die in der Kunstszene als unverbrauchter Geheimtipp gilt, abseits der Trampelpfade der globalen Kunstwelt. Noch überwiegt der Charme des Industriellen mit einzelnen Kunst-Farbtupfern.

Die Galerie "Spielhaus Morrison" gehörte zu den ersten Galerien, die 2006 in die Hausnummer 46 zogen. Die ehemalige Vergaserfabrik im Hinterhof bietet fast 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Lager- und Büroräume. Galerist Georg Spielhaus fühlte sich damals von den Widersprüchen der Gegend angezogen: "Die Heidestraße ist sehr zentral und gleichzeitig ein weißer Fleck auf der Berliner Landkarte", sagt er. Und ergänzt mit einem ironischen Lächeln. "Es ist natürlich auch wunderschön hier."

Die Schönheit kann sein Kollege Jan-Philipp Fruehsorge von seinem Bürofenster aus genießen. Fruehsorge schwärmt von der Weite des Brachlands, von Offenheit, vom Glück, dem "ausgelutschten" Kunstviertel Mitte entronnen zu sein. "Hier draußen ist Inspiration noch möglich", findet er. Die auf Zeichnungen spezialisierte Galerie Fruehsorge befindet sich im ersten Stock von Gebäude sechs. Im Fenster liegen der Gewerbehof, die Gleisstränge der ICE-Trasse und, hinter Bäumen, der Glaswulst des neuen Hauptbahnhofs.

Das ehemalige Lagerhaus befindet sich schon längst in der Hand der Kunst: Im zweiten Stock arbeitet der Bildhauer David Zinkyi, unter dem Dach hat der Fotograf Erik Niedling sein Atelier. An die Werkstattvergangenheit des Hauses erinnern nur noch ein Hebel mit der Aufschrift "Rauchklappe", der ins Treppenhaus hängt und ein Lastenkran unterm Dach - den man auch für den Transport schwerer Kunstobjekte einsetzen kann.

Fruehsorge, Spielhaus Morrison und Haunch of Venison zogen damals zusammen aufs Gelände, um als Dreierpack Publikum ins Niemandsland zu holen. Inzwischen ist das Trio längst nicht mehr allein: Auch im benachbarten Gewerbehof machen sich die Kollegen breit.

"Kunst ist in der 50 und hinten in der 52", erklärt ein Handwerker im Blaumann wie ein geduldiger Fremdenführer. Bald wird er öfter Kunsttouristen den Weg weisen müssen. Zum Kunstherbst am 29. September eröffnet das Künstlerkollektiv Artists Anonymous seine Hallen - unter anderem mit einer Hitler-Arbeit von Rocker Marilyn Manson.

Noch stolpern Maya van Malden und ihr Kollege Amir Fattal zwischen Leitern, Farbeimern und Stücken von Spiegelfolie umher. Die Folie ist Bestandteil der Ausstellung über das Thema "Tod", mit dem die zwei Etagen bespielt werden sollen. Eigentlich suchten Artists Anonymous Räume in der beliebten Brunnenstraße. Doch dort war alles entweder zu klein oder zu teuer. "Mitte ist abgegrast", sagt van Malden. "Hier kriegen wir, was wir brauchen: eine große, wandelbare Fläche."

Artists Anonymus sind gleichzeitig Galeristen, Kuratoren und produzierende Künstler. Neben eigenen und fremden Ausstellungen wollen sie in der Heidestraße 50 auch Sammlungen ausstellen. Warum auch nicht - alles scheint neuerdings möglich in der Heidestraße. In der Lagerhalle gegenüber zieht das neben einem Papiergroßhandel gelegene "Tape" Clubgänger an, irgendwo in der Nähe soll Szenegastronom Cookie eine geheime Bar für Eingeweihte betreiben. Auch die Kaffeehauskette Einstein hat zur kulinarischen Aufwertung beigetragen und kürzlich einen Ableger in der nahen Invalidenstraße eröffnet.

Biegt man in den kleinen Weg ein, der auf die Rückseite des Hamburger Bahnhofs führt, ahnt man, welches Potenzial die Gegend noch hat: Neben alten Baracken und der Einfahrt zum Lebensmittelgroßhandel "Mitte Meer" dämmert in bester zentraler Lage eine zwei Fußballfelder große Brache. Noch schlummern hinter dem Maschendrahtzaun nur Pfützen im Sand. Doch mit ein wenig Fantasie kann man sich einen strahlend weißen Würfel vorstellen, vor dem sich Kunstpublikum schart. Die Aufschrift: "Kunsthalle Berlin".

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