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Das Festival „Being Alone“ im Berliner HAU verhandelt Einsamkeit zwischen zentralasiatischer Arbeitsmigration und digitaler Isolation
Von Katja Kollmann
Der Lichtkegel lässt den Bühnennebel wie eine undurchdringliche Wolkendecke wirken, die die Schwerkraft außer Kraft setzt. Langsam verlischt er und Lichtpunkte poppen auf. Es ist, als hätte sich das Firmament das HAU 2 für eine exklusiv-intime Präsentation seiner Sternkollektion ausgesucht.
„Dragonfly – the Homeland of the soul“ von Gana, Lihla, Ray Tseng arbeitet mit der artifiziellen Herstellung der Naturphänomene und verdichtet sie zu einer immersiv-poetischen Raumerfahrung. Produziert wurde die Performance vom „XAOS – international festival of experimental music and visual art“ in Ulaanbaatar und vom Goethe-Institut Mongolei.
In Berlin wurde sie im Rahmen von „Being Alone – Artistic Perspektives from Central and East Asia and Beyond“ gezeigt. Zwei Jahre lang befassten sich die Goethe-Institute Zentral- und Ostasiens in dem Regionalprojekt „Solitude: Loneliness & Freedom“ mit den Erfahrungsdimensionen von Vereinzelung. Im „HAU Hebbel am Ufer“ zeigten sie Perspektiven aus neun asiatischen Ländern und Deutschland.
So gab der kirgisische Fotograf Danil Usmanov drei Mädchen, die in der Grenzregion Batken leben, eine Wegwerfkamera, damit sie ihre Welt dokumentieren. Die zwölf Fotos der achtjährigen Nazbiike Nurgaziyeva erzählen von einer weiten, kargen Landschaft, in der der Mensch verschwindet. Nurgaziyeva fotografiert spielende Kinder bei Sonnenuntergang, ältere Frauen, die um ein weißes Tuch mit traditionellem Brot sitzen, und ein altes Ehepaar vor einem nicht fertig gebautem Haus.
Der Mensch verschwindet
Usmanovs DIN-A4-Blatt, das sie engmaschig beschrieb, hängt im HAU 2 neben ihren Fotos. Nurgaziyeva erzählt hier von ihrem Leben und schreibt: „Meine Mutter wurde eine Migrantin. Sie ist weggegangen … Mein Vater verließ mich, als ich sieben Monate alt war und ging zur Armee … Meine Oma bringt mich jeden Tag mit dem Motorrad zur Schule.“
Im Podiumsgespräch erläutert Usmanov die Verfasstheit der Gesellschaften in den zentralasiatischen Staaten, die bis 1991 zur UdSSR gehörten: Aufgrund der prekären ökonomischen Situation vor Ort findet in fast jeder Familie Arbeitsmigration in Richtung Russland statt. Zurück bleiben Kinder und Alte.
„Being Alone“ befasste sich auch mit dem Alleinsein beziehungsweise der Einsamkeit im Kontext von Internet und KI. In dem Panel „Loneliness in Future Societies“ wurden zwei sich ergänzende Positionen deutlich. So beschrieb Payal Arora, Professorin für AI Cultures an der Universität Utrecht, dass das Internet oft der einzige Raum für Solidarität, Bildung und Entfaltung für Frauen in repressiven Gesellschaften wie Iran und Afghanistan ist.
Elira Turdurbaeva, Forschungsstipendiatin an der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen, wies anhand von über 250 Interviews mit Frauen in den zentralasiatischen Staaten nach, wie dort repressive Regime das Internet nutzen, um kritische Stimmen durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen.
Glöckchen, Gesänge und Glück
Auf der Leinwand im Foyer das HAU 2 liefen menschenähnliche Wesen mit einem alten Radio als Kopf durch zerstörte urbane Räume. Liu Zhyus Film „Echo“ ist einer von 11 Kurzfilmen der Reihe „AIsolation“, die im HAU gezeigt wurden. Lu Shans „Island Man“ wiederum durchdringt eine eigenartige Poesie. Digitale Fische durchschwimmen in orangefarbenen Schwärmen graue entvölkerte Großraumbüros. Der Icherzähler läuft mit einem Aquarium, in dem ein Stein liegt, als Kopfersatz herum.
Cha Yeonsas „Spring Night“ schließlich, in Korea als dreistündige Performance aufgeführt, dauert in Berlin exakt eine Stunde und entfaltet ihre Poesie, wenn man sich auf das vorgeschlagene Spiel einlässt: Schließe die Augen, wenn du über die Bühne des HAU 1 gehst und grüße den anderen, wenn du ihn berührst.
Das ist eine beglückende Erfahrung: Man ist für sich und gleichzeitig verbunden. Der Klang eines Glöckchens und buddhistische Gesänge erfüllen nach einigen Minuten den Raum. Die Augen immer noch geschlossen, die anderen Sinne geschärft, lässt man sich in diesem Klangraum fallen, öffnet irgendwann die Lider und blickt in den Saal des HAU 1, als hätte man ihn noch nie gesehen.
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