Künstler René Birkner über Ross' Bilder: "Ein Gegensatz zu Rubens"

Von Farbe verstand Erwin Ross etwas, sagt der Plakatkünstler René Birkner.

taz: Herr Birkner, wie würden Sie die Bilder von Erwin Ross beschreiben?

René Birkner: Das ist der Plakatstil der 1950er und 1960er Jahre: gegenständlich und auf Damen konzentriert. Nicht die große Malerei gewissermaßen.

In Hamburg ist Erwin Ross eine kleine Berühmtheit.

hat in München Malerei studiert und ist der letzte hauptberufliche Kinoplakatmaler in Deutschland.

Von der Farbe versteht er etwas. Die Farbzusammenhänge beherrscht er. Wie er zum Beispiel den Eindruck vom nächtlichen Hamburg hinbekommt, ist ganz gut gemacht. Ganz witzig.

Ist Plakatmalerei Kunst?

Für mich ist Plakatmalerei ein Job. Eine stilistische Form, die sehr ökonomisch ist. Bei der man die Bilder so aufbaut, dass sie zügig zu malen sind. Aber man muss das können. Man muss eine gewisse Erfahrung haben.

Beherrscht Erwin Ross sein Handwerk?

Den ökonomischen Plakatstil beherrscht er, aber er macht nichts anderes. Es gibt zwei Sorten von Plakatmalern: Die, die Plakate als Job malen und daneben noch etwas anderes mit künstlerischen Ambitionen. Und die, die aus der ehemaligen DDR kommen. Die haben das dort gelernt und wurden nicht lange gefragt, was sie machen wollen. Die hatten keine künstlerischen Ambitionen und waren froh, wenn sie nichts anderes machen mussten.

Die Bilder von Ross haben mit Werbung zu tun und gleichzeitig mit dem nackten Körper. Gehen sie denn als Aktmalerei durch?

Der Akt stammt aus dem Griechentum und folgte dem Gedanken, dass der nackte Körper aus der göttlichen Schöpfung kommt. Die Proportionen des göttlichen Körpers sahen die Griechen als Abbild des Kosmos. Die Körper bei Ross zielen dagegen mehr auf das Instinkthafte.

Ross ist berühmt geworden unter dem ironischen Label "Der Rubens von der Reeperbahn". Gibt es etwas in seinen Bildern, das mit Rubens zu tun hat?

Rubenshaft sind seine Bilder gar nicht. Bei Rubens gibt es Körpergirlanden, wie musikalisch ineinander verschlungen. Bei Rubens ist der Eigenwert der Linien und Farben untergeordnet. Das ist etwas völlig anderes.

Immerhin gibt es bei beiden viel nackte Haut zu sehen.

Bei Ross geht es um eine Pin-up-mäßige Instinktdarstellung. Die Pose soll das Erotische unterstreichen. Rubens dagegen wendet sich gerade nicht an den Instinkt. Bei ihm steht das zeichnerisch-kompositorische, das musikalische im Vordergrund. Die Menschengirlanden bei Rubens haben viel mit Barockmusik zu tun. Ross ist geradezu ein Gegensatz zu Rubens.

Werden solche Bilder wie die von Ross heute noch gemalt?

Ich kenne so etwas heute nicht mehr. In den 1970ern entstand mit dem Air Brushing ein Stil, der die Plakatkunst beeinflusst hat. Aber alles, was heute Plakatkunst ist, wird mit Photoshop gemacht. Es gibt keine handwerklichen Entwürfe mehr.

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