Kündigungswelle: Übrig bleiben nur die Chefs

Jahreszeitenverlag feuert seine schreibenden Redakteure und fest angestellte Grafiker. Das Unternehmenskonzept "Jalag 2010" kennt künftig nur noch Freelancer.

Wohin geht die Reise? Das Jahreszeiten-Verlagshaus in Winterhude. Bild: privat

Proteste der Journalistenverbänden DJV und DJU haben nichts genützt. Der Jahreszeitenverlag (Jalag) hat begonnen, sein Unternehmenskonzept "Jalag 2010", das das Outsourcing wesentlicher redaktioneller Arbeiten bei seinen Zeitschriften vorsieht, umzusetzen. 51 fest angestellte RedakteurInnen und GrafikerInnen haben ihre betriebsbedingte Kündigung erhalten.

Die Strukturreform beim Jalag sieht vor, fest angestellte Redakteure nur noch in Positionen wie Chefredakteur, Ressortleiter, Textchef und Artdirektor in so genannten Blattmacher-Teams arbeiten zu lassen, die sich um die Endproduktion der Zeitschriften kümmern. Das Programm des Verlags umfasst die Titel Für Sie, Prinz, Vital, Petra, Merian, zuhause Wohnen, Country, Der Feinschmecker und Selbermachen.

Die Themenfindung, Recherche und das Artikelschreiben sollen freie Journalisten und Autoren übernehmen, die von den Kernteams beauftragt werden. Ebenso ist das Layout an Grafik-Agenturen vergeben worden. Freie Journalisten sollen dann aus Kostengründen direkt in ein neues Grafik-Programm der externen Dienstleister tippen und ihre Texte nicht mehr per E-Mail schicken.

Das Konzept "Jalag 2010" sei ein Dolchstoß für den Qualitäts-Journalismus, sagt die stellvertretende DJV-Bundesvorsitzende Ulrike Kaiser und "zielt auf die Abschaffung des Redakteursberufs". Soziale Gesichtspunkte spielen für den Jalag, der zur Ganske-Verlagsgruppe gehört, keine Rolle. "Man will die Personalkosten senken und die Mitarbeiter aussuchen, die gehen sollen, ohne sich um die soziale Auswahl zu kümmern", berichten Insider. So befinden sich auf der Abschussliste auch sechs Mütter - davon drei Alleinerziehende und zwei in Elternzeit -, zwei Frauen mit Behindertenstatus sowie zwei Betriebsrätinnen. Diese Personengruppen genießen arbeitsrechtlich eigentlich einen besonderen Schutz. "Ein Verlag, dessen Produkte hauptsächlich von Frauen gekauft werden", so ein Insider, "kann es sich eigentlich nicht leisten, seinen Ruf durch derartig frauen-, mütter- und familienfeindlichen Maßnahmen zu ruinieren."

In Jalag-Kreisen wird bezweifelt, dass das Kostenreduzierungs-Konzept "Jalag 2010" funktioniert. Für Verleger Thomas Ganske, dessen Vermögen sich laut Manager Magazin auf 550 Millionen Euro beläuft, könne es sich schnell als Fehler herausstellen, erfahrene und loyale Redakteure und Layouter rausgeworfen zu haben. Denn diese Kräfte seien nicht so einfach zu ersetzen: Im Gegensatz zu fest angestellten müssen freie Journalisten bei den im Sinkflug befindlichen Honoraren für mehrere Zeitschriften arbeiten und ihre Artikel mehrfach verwerten, um von ihrer Arbeit leben zu können.

Schon jetzt sei es beim Jalag vorgekommen, dass Artikel bereits veröffentlicht waren oder aus dem Internet abgeschrieben wurden, was dank eigener Schlussredaktion gemerkt worden sei. Das Aufspüren dieser "Flachwurzler" bleibt jetzt den Blattmachern überlassen.

Um den Widerstand der Gekündigten gering zu halten, hatte die Verlagsleitung versucht, ihnen das Klagerecht abzukaufen. 5.000 Euro sollten diejenigen zusätzlich zur Abfindung bekommen, die auf eine Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht verzichten. Das haben auch einige angenommen. "Es haben aber einige auch Kündigungsschutzklage eingereicht", berichtet Stefan Endter vom DJV-Hamburg.

Auch diejenigen, die beim Jalag weiter arbeiten, gehen laut Insiderberichten einer ungeklärten Zukunft entgegen. "Manchmal weiß man nicht, wen man mehr bedauern muss", so die Insider. "Die zurückgebliebenen oder die gekündigten Kollegen."

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