Kreuzberger Eltern bleiben in Kreuzberg: Die bleibende Klasse

Aus Angst vor der Überzahl von Migranten haben zahlreiche Eltern Kreuzberg verlassen, als ihre Kinder ins schulfähige Alter kamen. Langsam ändert sich das: Schulen im Kiez bekommen eine neue Chance.

Erstklässler auf dem Weg zur Schule Bild: ap

Silke Krämer wollte nicht die Flucht ergreifen wie so viele andere vor ihr. Seit zehn Jahren lebt die Projektmanagerin eines IT-Unternehmens im Kiez an der Reichenberger Straße in Kreuzberg, inzwischen mit Freund und zwei Kindern. Bei dem Gedanken, wegzuziehen, nur weil ihre Tochter in die Schule kommen sollte, sträubte sich etwas in ihr. Das Kind einfach auf die Paul-Dohrmann-Schule zu schicken, in deren Einzugsbereich ihre Familie lebt, kam für Krämer aber auch nicht infrage. Der Migrantenanteil liegt dort bei über 95 Prozent. "Ich wollte nicht, dass meine Tochter das einzige Kind deutscher Herkunft in der Klasse ist, dass sie sich verloren fühlt. Sie sollte gern zur Schule gehen."

Krämer beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie sprach Eltern auf Spielplätzen an, ob sie ähnlich denken. Sie klebte Plakate, verteilte Handzettel, ging zu den Infoveranstaltungen der Grundschulen und warb um Mitstreiter. Für das Schuljahr 2009/2010 meldeten 15 deutsche Eltern ihre Kinder an der Niederlausitz-Grundschule in der Reichenberger Straße an. Der Migrantenanteil liegt dort bei 70 Prozent. Durch die gemeinsame Anmeldung sank der Schnitt in der Klasse ihrer Tochter und in der Parallelklasse auf 50 Prozent, die Kinder deutscher und nichtdeutscher Herkunft mischten sich, erzählt sie. "Wir sind sehr glücklich mit der Situation."

Nach wie vor ziehen viele Eltern aus Kreuzberg weg, wenn ihr Kind ins schulpflichtige Alter kommt. Oder sie schicken den Nachwuchs auf Privatschulen. 18 Prozent der bald einschulungsfähigen Kinder, die 2009 in dem Stadtteil gemeldet waren, kamen im Herbst 2010 nicht an den normalen öffentlichen Schulen an.

Verlässliche Zahlen zur Abwanderung von Eltern wegen der Schulen sind nicht zu bekommen. Aber es gibt Indizien: So nahm die Zahl der Wegzüge von Eltern mit kleinen Kindern aus Kreuzberg jahrelang zu. 2005 wurde ein Höhepunkt erreicht: Damals verließen laut Landesamt für Statistik 384 Kinder unter sechs Jahren den Altbezirk, das waren 3,9 Prozent. 2008 kehrten mit 291 Kindern nur mehr 3,1 Prozent in dieser Altersgruppe Kreuzberg den Rücken.

Dass Eltern eher im Kiez bleiben, könnte auch mit der Gentrifizierung zusammenhängen. "Menschen leben zunehmend in Eigentumswohnungen und wandern deshalb nicht mehr so schnell ab", glaubt Monika Herrmann, grüne Bildungsstadträtin in Kreuzberg. Das Bezirksamt begrüße es, wenn sich Eltern als Gruppen an Schulen anmeldeten. Als einziges Jugendamt der Stadt habe Friedrichshain-Kreuzberg eine eigene Abteilung, die Eltern bei ihren Bildungsinitiativen unterstütze. "1,2 Millionen Euro geben wir im Jahr dafür aus", so Herrmann.

Auch der Lenau-Grundschule im westlichen Kreuzberg ist es gelungen, deutsche Eltern für sich zu gewinnen. "Früher brach zeitgleich mit den Schneeglöckchen hier immer die Lenau-Panik aus", erinnert sich Bertram Beer, Elternsprecher der Grundschule nahe der Bergmannstraße. Etwa 60 der im Schnitt rund 100 im Einzugsbereich wohnenden Erstklässler hätten sich regelmäßig Plätze an anderen Schulen gesucht. Denn die Schule hat, obwohl sie mit ihrem Leseschwerpunkt große Bildungserfolge vorweisen kann, den berühmten schlechten Ruf: Mit 77 Prozent weist sie den höchsten Anteil von Migrantenkindern im Kiez auf. Viele Eltern bevorzugten deshalb die Reinhardswaldschule an der Gneisenaustraße mit 42 Prozent Migranten oder die Charlotte-Salomon-Grundschule an der Großbeerenstraße mit 40 Prozent.

"Früher haben wir immer versucht, die Vorurteile gegen unsere Schule zu entkräften", erzählt Beer. "Jetzt werben wir aktiv mit unseren Vorzügen." Mehr als 30 ehrenamtliche Lesepaten sind an der Lenauschule tätig, dazu mehrere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Gemeinsam mit Eltern und Lehrkräften organisierten sie Informationsveranstaltungen für jene Eltern, die zwar im Einzugsbereich der Schule wohnen, ihre Kinder aber zunächst an anderen Schulen angemeldet haben. Das Ergebnis: Für dieses Schuljahr wurden so viele Erstklässler deutscher Herkunft angemeldet, dass der Anteil der Migranten an der Schule von 77 auf 72 Prozent sank.

Und auch für das kommende Jahr setzt sich dieser Trend fort: Bereits jetzt kann die Grundschule mit 60 Anmeldungen 20 mehr als in den Vorjahren verbuchen. Eine größere Zahl von Eltern wolle "bewusst an unsere Schule", sagt Lenau-Schulleiterin Cordula Klawuhn - darunter auch viele deutscher Herkunft. Zwar seien immer noch etwa 30 Kinder vor der Schulanmeldung aus dem Einzugsbereich abgemeldet worden, schätzt sie - immerhin aber nur noch halb so viel wie früher.

Dass jetzt mehr Eltern ihre Kinder auf Schulen in der Nähe schicken, hat auch mit der Überfüllung begehrter Schulen zu tun. Die Reinhardswaldschule und die Charlotte-Salomon-Grundschule zum Beispiel sind wegen der starken Nachfrage längst nicht mehr imstande, alle Bewerber aufzunehmen. Das macht auch Ummeldungen heikel: Manche Eltern verlegen ihren Wohnort zum Schein in den Einzugsbereich einer begehrten Schule. Doch selbst denen, die offiziell vor Ort wohnen, ist nicht mehr unbedingt ein Platz sicher. Auch deshalb gewinnt die Anmeldung deutscher Eltern als Gruppe, wie Silke Krämer sie organisiert hat, an Attraktivität. Eine solche Gruppenbildung ist nicht unumstritten: Wenn alle deutschen Kinder in einer Klasse sind, kann Integration gar nicht stattfinden, sagen Skeptiker.

Diese Bedenken hatte auch Manfred Holtz, Direktor der Niederlausitz-Grundschule, als Krämer und die anderen Eltern zu ihm kamen. "Wir wollen keine Enklave für deutsche Kinder werden", sagt er. Deshalb verteilte er die 15 Kinder auf zwei Klassen. "Sie leben hier im Kiez und sollen ihre türkisch- und arabischstämmigen Nachbarn kennenlernen." Die Eltern akzeptierten das.

Erste Erfolge

Hat die Niederlausitz-Grundschule die Kurve gekriegt? Bei den Anmeldungen für das Schuljahr 2011/2012 liegt der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunft bei 59 Prozent und damit unter dem Durchschnitt an der Schule insgesamt. Doch es kommen neue Herausforderungen auf die Schule zu. Im Jahr 2012 will die Schule mit der benachbarten Paul-Dohrmann-Schule zusammengehen, der aufgrund der geringen Schülerzahl die Schließung droht, wie Holtz berichtet. Diese Grundschule wird bislang fast ausschließlich von Migranten besucht.

Silke Krämer musste schlucken, als sie von der Fusion hörte: 2012 kommt ihre zweite Tochter in die Schule. "Dann wurde mir klar: Das birgt auch eine Chance." Weil die Dohrmann-Schule zu wenig Schüler hat, können sich dort Gruppen umso leichter anmelden. Krämer schmiedet daher wieder Pläne. Das Gesamtkonzept der neuen "Kiezschule", wie sie sie nennt, müsse überarbeitet werden, sodass die Schule für alle Eltern aus dem Einzugsgebiet attraktiv sei, erklärt sie. Ein Quartiersmanagement sollte einbezogen und Sozialarbeiter müssten herangeholt werden.

Krämer weiß: Das Wort von Vätern und Müttern hat für andere Väter und Mütter mehr Gewicht als die Absichtserklärung von Schulleitern. "Wir Eltern werden die Werbetrommel rühren, die Kunde weitertragen." Damit kommt wieder viel Arbeit auf sie zu. Aber Krämer ist optimistisch. "Ich bin ja nicht mehr allein. Gemeinsam mit den anderen Eltern kriegen wir das schon hin."

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