Kony-Milizen marodieren in Zentralafrika: Dem Warlord auf der Spur

„Wir töten alle“, drohen die Kämpfer von Joseph Kony, all der internationalen Öffentlichkeit zum Trotz. Im Nordosten des Kongo entvölkert sich ein Dorf nach dem anderen.

Von seiner Familie auf der Flucht bei Kilometer 55 liegen gelassen: ein durch Polio gelähmter Junge. Bild: S. Schlindwein

GANGALA NA BODIO/DUNGU taz | Töpfe stehen noch auf der Feuerstelle, Wäsche hängt an der Leine. Doch keine Frauen kochen Essen, keine Kinder spielen, keine Männer schleppen Holz herbei. Diese Dörfer im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo sehen aus, als seien sie hastig verlassen worden.

Drei holprige Straßen führen im nordostkongolesischen Distrikt Dungu nahe der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik und Südsudan durch Regenwald – eine Region so groß wie Belgien. In diesem verlassenen Winkel gibt es kein Handynetz und kein Strom.

Die Hauptverkehrsachse zwischen den Kleinstädten Faradje und Dungu haben UNO-Blauhelme instand gesetzt. Alle paar Wochen wirbeln Lastwagenkolonnen mit Lebensmitteln Staub auf, begleitet von einem Konvoi marokkanischer Soldaten. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) wagt sich nur mit militärischem Begleitschutz diese Straße entlang. Täglich fliehen Kongolesen aus den abgelegenen Dörfern.

Der Warlord: Die Lord’s Resistance Army (LRA; Widerstandsarmee des Herrn) entstand Ende der 80er Jahre als Bewegung von Soldaten des nordugandischen Acholi-Volkes gegen Ugandas Präsident Yoweri Museveni. Unter Priester Joseph Kony entführte sie Zehntausende Kinder und machte halb Uganda unsicher, bevor sie 2006 erst nach Südsudan und dann in die Demokratische Republik Kongo und die Zentralafrikanische Republik gedrängt wurde.

Der Film: Im März erregte die US-Organisation Invisible Children Aufsehen mit dem Videofilm „Kony 2012“, der zu einer weltweiten Jagd auf Kony aufrief. (d.j.)

Die UNHCR-Mitarbeiter haben die Dschungeldörfer nach der Entfernung von Dungu gekennzeichnet: „Die Hütten auf Kilometer 7 wurden am 10. März angegriffen“, erklärt ein lokaler UNHCR-Mitarbeiter, als der Konvoi an leeren Häusern vorbeirauscht. Er zieht eine Liste hervor: Kilometer 23 wurde am 8. März angegriffen, Kilometer 55 am 10. und am 24. Februar. Die Liste ist fünf Seiten lang.

Allein im März wurden rund 70 Übergriffe gemeldet. Nach knapp einem Jahr relativer Ruhe sind die ugandischen Rebellen der LRA (Widerstandsarmee des Herren) des international gesuchten Warlords Joseph Kony seit Beginn dieses Jahres zurück im Nordosten des Kongo, aus dem sie 2009 Richtung Südsudan und Zentralafrikanische Republik geflohen waren. In kleinen Gruppen durchstreifen sie den Dschungel südlich des Garamba-Nationalparks.

„Sie kamen in der Nacht“

Bei Kilometer 55 hocken ein Dutzend junge Männer am Straßenrand. Die Lehmhütten hinter ihnen sind verwaist. Die Schule ist von Kugeln durchlöchert, die Krankenstation geplündert. Ein gelähmter Junge kauert hilflos vor einer Hütte. Seine Familie hat ihn bei der Flucht zurückgelassen, jetzt kümmern sich die Männer um ihn.

„Sie kamen in der Nacht“, erzählt einer stotternd über den LRA-Angriff. Es seien knapp 30 Kämpfer gewesen, darunter fünf Kindersoldaten. „Sie gingen von Haus zu Haus und nahmen alle Lebensmittel mit.“ Alle Bewohner seien geflohen. „Doch wir bleiben hier.“

Bei Kilometer 77 steht eine Kirche aus roten Ziegelsteinen, rundherum Hütten aus Bananenblättern. Das ist das Dorf Gangala na Bodio, wohin sich 5.000 Vertriebene gerettet haben. Ihre Unterkünfte halten dem Tropenregen kaum stand.

„Unsere Situation ist miserabel“, klagt Dorfvorsteher Cleophas Pambalanimbu. Der hagere Mann zeigt die Straße in Richtung Dungu hinauf: „Die Händler können nicht in die Stadt fahren, die Bewohner können die Ernte nicht einholen“, seufzt er.

Die Flüchtlinge haben sich hierher gerettet, doch in Sicherheit sind sie nur bedingt. Aus der Tasche zieht Pambalanimbu einen Brief. „Diese Botschaft hat uns die LRA hinterlassen“, sagt er und liest vor: „Alle Leute, die fliehen; alle Leute, die Soldaten unterstützen; alle, die Waffen tragen und nach uns suchen; alle, die uns den Soldaten ausliefern; alle, die uns Lebensmittel verweigern; alle, die eine Machete gegen uns erheben – sie alle werden wir töten.“

„Soldaten kamen und schossen“

Vor einer windschiefen Hütte sitzt Mboliundi Danambu und vergräbt das Gesicht in den Händen. Der junge Mann kam vor wenigen Wochen mit Frau und zwei Kindern hierher. Er hatte gehört, dass hier Soldaten seien. „Ich dachte, wir sind sicher.“ Dann ging er hinaus auf das Maniokfeld – und lief fünf LRA-Kämpfern in die Arme. Sie befahlen ihm, die Maniokwurzeln in den Dschungel zu tragen. „Dann kamen Soldaten und schossen, ich konnte flüchten“, sagt er. Seine Hände zittern, er riecht nach Alkohol. Er könne vor Angst nicht schlafen, gibt er zu. Als er kürzlich etwas Lautes hörte, habe er sich im Bananenhain versteckt.

Ein Mann kommt gelaufen und klopft Danambu auf die Schulter. Patrice Yeyemi kümmert sich als Sprecher der Vertriebenen um deren Interessen. Yeyemi ist in den vergangenen fünf Jahren selbst dreimal vor der LRA geflohen. „Es ist schwer, jedes Mal woanders bei null anzufangen, wenn man Haus, Erntevorräte und Kleidung liegen lassen muss, um sein Leben zu retten“, erklärt er.

Immerhin sei die LRA heute weniger brutal als früher. Einst massakrierten sie ganze Dörfer und schnitten denjenigen, die Alarm schlugen, Lippen, Nasen und Ohren ab. „Heute töten sie nicht, sie verletzten niemanden – sie stehlen nur unsere Lebensmittel“, sagt Yeyemi. Doch die Menschen trauten sich nicht einmal auf die Äcker: „Wir verhungern im Anblick unserer erntereifen Maniokfelder.“

Hinter vorgehaltener Hand flucht Yeyemi über die kongolesischen Soldaten, denen es nicht gelinge, die LRA zu besiegen. Ob er von den US-Beratern gehört habe, die helfen sollen? Er macht große Augen. „Wir haben davon nichts erfahren, geschweige denn diese Soldaten je gesehen.“

Die Unterkünfte der Armee in Gangala na Bodio sehen nicht besser aus als die der Vertriebenen aus geflochtenen Bananenblättern. 800 Soldaten hausen in Zelten. Ihr Kommandeur, Hauptmann Charles Lwanga, düst mit einem Motorrad zwischen dem Militärlager und den Checkpoints am Dorfrand hin und her. „Alles scheint ruhig zu sein. Wenn wir die LRA sehen, jagen wir sie“, ruft er und braust davon.

Sicherheit vermittelt in Gangala na Bodio nicht das Militär. Die katholische Caritas hat mit Spenden der US-Organisation Invisible Children für die Dörfer einen Hochfrequenzsender installiert und Funkgeräte verteilt. Zweimal am Tag schicken nun Kirchenvertreter Lageberichte nach Dungu.

Warnungen über Funk

In Gangala na Bodio macht das Jean Paul Buga. Der Mann sitzt in einem kleinen Büro im Seitenflügel der Kirche und funkt nach Dungu. „Bei uns ist heute alles ruhig, wie ist die Lage in den anderen Dörfern?“, fragt er in das Funkgerät. „Keine Alarmmeldungen heute bislang – bitte melde dich am Abend wieder, Ende“, dröhnt es zurück. Sobald irgendwo LRA-Kämpfer gesichtet werden oder Übergriffe stattfinden, meldet dies die Caritas über die lokalen Frequenzen, um alle Menschen im Umfeld zu warnen.

Wer es irgendwie schafft, der flüchtet in die Kleinstadt Dungu. Das einst florierende Händlerstädtchen, in dem zu Kolonialzeiten griechische und arabische Händler Waren zwischen Sudan und Kongo umschlugen, wirkt heute wie das Ende der Welt. Jenseits der Lehmhütten gibt es nur noch Dschungel. Die staatlichen Strukturen reichen schon lange nicht mehr in diesen Winkel des Kongo. Gerade einmal fünf Polizisten gibt es. Die Türen zum städtischen Verwaltungsgebäude sind geschlossen.

Schutz bietet hier die UN-Blauhelmmission und die 391. kongolesische Armeebrigade. Diese Einheit wurde vom US-Militär trainiert. Den Unterschied sieht man auf den ersten Blick. Im Gleichschritt, das Gewehr ordentlich im Anschlag, marschieren die Männer die staubige Straße hinab, die zur Flugpiste führt.

Die diskreten US-Berater

Entlang der Landebahn hat sich die UNO eingerichtet. Was noch vor drei Jahren ein Feldlager mit stickig heißen Zelten war, ist nun eine Siedlung aus klimatisierten Bürocontainern. Drinnen brüten UN-Geheimdienstler über einer Landkarte. An der Wand hängen die Haftbefehle aus Den Haag mit den Fotos von LRA-Führer Kony und seinen höchsten Kommandeuren. Zwei amerikanische „Berater“ sitzen dabei. Sobald sie Journalisten sehen, stürzen sie aus den Raum.

Es scheint, so die UN-Erkenntnisse, als würde sich keiner der hochrangigen Kommandeure oder gar Kony selbst im Kongo aufhalten. Er sei Hunderte Kilometer weiter nördlich, an der Grenze zwischen der sudanesischen Region Darfur und der Zentralafrikanischen Republik. Rund um Dungu werden etwa 60 LRA-Kämpfer vermutet, die in drei Gruppen durch die Wälder streifen. Aber vor ihnen sind Zehntausende auf der Flucht.

Dungu ist sicher, weil sich in der Stadtmitte eine schmale Brücke über die Stromschnellen schwingt. Der LRA ist es noch nie gelungen, den Fluss nach Süden zu überqueren. Direkt neben der Brücke am Nordufer thront die Ruine eines zerfallenen Schlösschens aus belgischer Kolonialzeit. Heute hausen im Schlossgarten marokkanische Blauhelmsoldaten in Zelten. Die Brücke wird Tag und Nacht bewacht.

Weil Dungu sicher ist, erstickt die Kleinstadt unter den 20.000 Vertriebenen. Ende 2011 gab es hier nur vier Flüchtlingslager, jetzt sind es zwölf. Am Stadtrand wurden Bäume gefällt und der Dschungel wird abgefackelt, um Platz zu schaffen. Dazwischen wurden Löcher für Plumpsklos gebuddelt und mit geflochtenen Stellwänden abgeschirmt.

12.000 Tonnen Lebensmittel

Auf einem großen Platz nahe der Schule stehen Tausende Frauen und Männer in der Mittagshitze Schlange. Namen werden aufgerufen, Säcke mit Maismehl und Erbsen von Lastwagen gehievt. Das UN-Welternährungsprogramm WFP verteilt 12.000 Tonnen Maismehl, Erbsen, Öl, Salz. Drei Wochen benötigen die Lkws vom kenianischen Hafen Mombasa, wo die Lebensmittel per Schiff angeliefert werden, über Uganda und matschige kongolesische Straßen.

Unter einer Zeltplane über Bambusstöcken sitzt die 17-jährige Marie auf einem Schemel und schmiegt ihren zweijährigen Sohn an sich. Marie wurde 2008 von der LRA aus ihrer Schule entführt, gemeinsam mit Hunderten Klassenkameradinnen. „Sie haben uns wie Sklaven an einem Seil aneinandergebunden und in den Busch gezerrt“, erinnert sie sich.

„Sie benutzen uns wie Bruthennen“. Die 17-Jährige Marie mit ihrem Sohn. Bild: S. Schlindwein

Am ersten Tag ihrer Gefangenschaft sei sie LRA-Führer Kony begegnet. „Wir mussten uns vor ihm aufstellen und er hat uns sortiert“, erzählt sie schüchtern. Die geschlechtsreifen Mädchen seien den Kämpfern als Frauen gegeben worden, die jüngeren als Arbeitssklaven. Als 14-Jährige gehörte sie zu den Älteren, sie wurde einem ugandischen Kämpfer zugeteilt und gebar zehn Monate später ihren Sohn.

„Sie benutzen uns wie Bruthennen, um ihre Kinder zu gebären“, sagt Marie leise. So züchtet Kony im Kongo die nächste Generation seiner Kämpfer.

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