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Kongo von der Kolonialzeit bis heute

Kolonialzeit: Auf der Berliner Afrikakonferenz europäischer Kolonialmächte zur Aufteilung des Kontinents 1884-85 wird das Kongo-Flussbecken zum Freistaat unter Verwaltung des belgischen Königs Leopold II erklärt. 1908 kauft der belgische Staat das Gebiet und erklärt es zur Kolonie. Belgische Privatunternehmen haben das Sagen, die afrikanische Bevölkerung wird komplett entrechtet und auf den Status von Tieren reduziert. Von den geschätzt 20 Millionen Einwohnern zu Beginn der Kolonisierung sind 1920 noch die Hälfte übrig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten ausgewählte Kongolesen, die einen Schulabschluss haben, Gehalt beziehen, einwandfreie Französischkenntnisse, Gesundheit, Sitten und Hygiene aufweisen und sich „wie Weiße“ verhalten, erste Anerkennungen als Menschen. „Cartes de mérite civique“ (Bürgerverdienstausweise) berechtigen etwa zum Zutritt in Geschäfte und zum nächtlichen Aufenthalt in Stadtzentren. „Cartes d’immatriculation“ (Zulassungsausweise) für Familien folgen, die einige koloniale Einrichtungen wie Krankenhäuser freigeben. Die Karten werden erst nach minutiöser Kontrolle aller Lebensbereiche bis hin zur Toilettenprüfung ausgegeben, die Familien müssen allen „einheimischen“ Gebräuchen abschwören. Dennoch können die Sonderrechte nur unter Hinnahme ständiger Kontrollen und Willkür wahrgenommen werden. Die sogenannten „évolués“ (Entwickelte) machen vielleicht 1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und streiten in den 1950er Jahren für Bürgerrechte. Zu ihnen gehört auch der 1925 geborene Postbeamte Patrice Lumumba.

Unabhängigkeit: 1956 entsteht die Unabhängigkeitsbewegung „Mouvement National Congolais“ (MNC), mit Lumumba als einem der Gründer. Nach einer Spaltung bleibt der Lumumba-treue Flügel MNC-L dominant. 1958 fordert Lumumba öffentlich Kongos Unabhängigkeit, für die Belgier ein Skandal. Bei schweren Unruhen Anfang 1959 sterben Hunderte. Im November 1959 wird Lumumba erstmals verhaftet. Belgien beruft im Januar 1960 einen „Runden Tisch“ in Brüssel zur Zukunft der Kolonie ein. Dieser stimmt überraschend Lumumbas Forderungen zu: sofortige freie Wahlen und Unabhängigkeit. Am 22. Mai wählt Kongo sein erstes Parlament, die MNC-L wird stärkste Partei. Am 30. Juni wird Kongo unabhängig, mit Lumumba als Premierminister und Joseph Kasavubu von einer anderen Partei als Staatspräsident.

Ermordung: Die Belgier in der Kolonie sind entsetzt. Nachdem die Kolonialarmee gegen die Weißen meutert, schickt Belgien Eingreiftruppen und sorgt dafür, dass die Bergbauregion Katanga sich vom unabhängigen Kongo abspaltet. Das Land versinkt im Chaos, Präsident Kasavubu und Premierminister Lumumba entlassen sich gegenseitig, der neue Armeechef Joseph-Désiré Mobutu setzt beide ab, Lumumba kommt unter Hausarrest, wird beim Fluchtversuch verhaftet und in Katanga heimlich hingerichtet.

Erbe: Bewaffnete Lumumba-Anhänger kämpfen jahrelang weiter, Armeechef Mobutu kämpft sie nieder und ergreift 1965 die Macht. Am längsten harrt Guerillaführer Laurent-Désiré Kabila mit Hilfe von Che Guevara im Südosten des Landes aus, er geht später ins Exil nach Tansania. 1996 taucht Kabila als Chef einer neuen Rebellenallianz wieder auf, stürzt Mobutu 1997 und gründet die „Demokratische Republik Kongo“, die sich auf Lumumba beruft. Laurent-Désiré Kabila wird am 16. Januar 2001 getötet, bis 2019 regiert sein Sohn Joseph Kabila. Der aktuelle Präsident Felix Tshisekedi ist Sohn des historischen Oppositionsführers Etienne Tshisekedi, ebenfalls ein alter „évolué“ und 1958 MNC-Gründungsmitglied.

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