Kommentar zur Ausbildungskampagne: Plakate allein sind nicht genug
Migranten werden in Unternehmen dringend gebraucht. Fraglich ist, ob eine Aktion allein das Defizit beseitigt.
Der Satz von Arbeitssenatorin Carola Bluhm wiegt schwer. Die Möglichkeit der Bestenauslese gebe es nicht mehr, sagt sie - und zeigt damit auch: Sogenannte Randgruppen wie Migranten und junge Frauen sind in Industrie, Handwerk und Handel oft von vornherein als Ausschussware behandelt worden. Obwohl sie teils Kompetenzen mitgebracht hätten, die der männliche Jugendliche mit deutschem Pass nicht hat. Jetzt drohen leere Produktionshallen, weil die Zahl der Schüler sinkt und Menschen abwandern. Die Wirtschaft muss sehen, was sie an Nachwuchs kriegen kann.
Die Kampagne von Senat, Kammern und Firmen, mit der mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Ausbildung machen sollen, ist daher begrüßenswert. Fraglich ist, ob Plakate und die gezielte Ansprache von Unternehmen etwas bewirken. Die seit Jahren geäußerten Lippenbekenntnisse zur Frauenförderung machen kaum Hoffnung: Frauen in technischen Berufen sind weiter Mangelware. Es muss ja nicht gleich Quote heißen - aber Zielsetzungen, bis wann wie viele Migranten wo zum Zuge kommen sollen, könnten den Druck erhöhen.
Eine Bruchstelle bleibt zudem die Ausbildungsreife. Viele Abgänger haben Defizite beim Schreiben, Rechnen und im sozialen Verhalten. Bei Weitem nicht nur Migranten! Das Problem betrifft alle. Zu seiner Lösung wird es gemeinsame Anstrengungen brauchen. Die ist absolut notwendig: Wer gebildet ist, weiß, wo er sich bewerben will, und wird die Ausbildung durchziehen. Davon profitieren Unternehmen und der Nachwuchs - egal welchen Pass er hat.
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