Kommentar aus der Deutschland-taz: Zehlendorf contra Kreuzberg
Wenn es um MigrantInnen geht, fühle ich mich neuerdings immer angesprochen. Obwohl ich faktisch keine bin. Chronische Schwäche der Gastarbeiterkinder.
Als die Kinder größer wurden, sind wir nach Zehlendorf gezogen. In Charlottenburg gab es so viele.. so viele..?" Sie sucht das Wort in meinem Gesicht: "...so viele Migranten." Geflüchtet also. Vor meinesgleichen. Wenn es um MigrantInnen geht, fühle ich mich neuerdings immer angesprochen. Obwohl ich faktisch keine bin. Chronische Schwäche der Gastarbeiterkinder.
Als die Zehlendorfer Mutti dann noch erfährt, dass ich in einem "muslimischen Viertel" (Kreuzberg!) lebe, türkische Wurzeln habe - aber nicht so aussehe, wie sie mir noch gütig versichert - wird es ganz seltsam. Vor 15 Jahren aus Polen gekommen, sieht sie sich trotzdem nicht als Migrantin. Sie habe ja immer gearbeitet und sei zudem an den südlichen Stadtrand gezogen.
Diesen und viele weitere Texte können Sie in der gedruckten "Deutschland-taz" lesen. Am 7. Dezember am Kiosk erhältlich - oder direkt an Ihrem Briefkasten.
Das Partygeplänkel zeigt: Nicht nur Deutsche, auch MigrantInnen schimpfen gern auf MigrantInnen. Vornehmlich auf diejenigen, die sich nicht aus den Innenbezirken davonstehlen, sobald die Kinder ins Schulalter kommen. Denn viele glauben, sie könnten sich und vor allem ihren Nachwuchs durch einen Umzug vor der gesellschaftlichen Entwicklung "retten".
Kreuzberger würden das grinsend mit einem "çüs lan!" (Übertreib nicht) kommentieren. Denn es ist voll aggro, was sich hier in Berlin abspielt. Schon jetzt hat etwa ein Viertel der Berliner Bevölkerung keinen "urdeutschen" Hintergrund mehr. Da hilft die Flucht nach Zehlendorf, mal als Stellvertreterbezirk für alle anderen "weißen" Bezirke, nichts.
Und allein der Umstand, in einem vermeintlich besseren Bezirk zu wohnen, macht aus einem Migranten an sich auch noch keinen besseren Deutschen - äh, Menschen. Viele denken, sie können sich so dem Integrationsgefasel entziehen, es betrifft sie ja nicht. Es geht ja "nur" um Kreuzberg und Neukölln.
Auf eines freue ich mich aber schon: Wenn jetzt noch mehr nach Zehlendorf ziehen, scheidet Kreuzberg bald als unmöglicher Ort zum Leben aus. Dann heißt es auf der nächsten Party: "Zehlendorf? Da leben doch so viele Migranten."
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert