Kommentar Sarkozy und der Papst: Gott in Frankreich

Der Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, gehört zu den Errungenschaften der Französischen Revolution. Sarkozy nutzt den Papstbesuch in Paris, um am Laizismus zu sägen.

Der Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, gehört zu den großen Errungenschaften der Französischen Revolution. Heute meint Laizismus in Frankreich Religionsfreiheit im Privaten, aber auch die öffentliche Abwesenheit von Religion.

Schon als Innenminister hat Sarkozy dieses Prinzip ausgehöhlt, als er etwa einen "Muslimrat" gründen ließ, um dieses religiöse Gremium zum Transmissionsriemen zwischen Einwanderern aus Nord- und Schwarzafrika zu machen. Er überging dabei, dass die Mehrheit dieser Einwanderer sich nicht politisch über die Religion identifiziert, ja dass ein großer Teil von ihnen sie nicht einmal praktiziert. Auch im "Kopftuchstreit" ging Sarkozy auf Distanz zum damaligen Präsidenten Chirac, als dieser das Tragen "ostentativer religiöser Zeichen" an öffentlichen Schulen unter Verbot stellte, und bezeichnete das Laizitätsgesetz als "archaisch".

Seit er selbst Präsident ist, hat Sarkozy wiederholt klargemacht, dass er der Religion wieder einen höheren Rang einräumen will. Deshalb schwächt er den Laizismus mit einem Adjektiv ab und spricht neuerdings von "positiver Laizität". Der Papst hat dies Konzept ausdrücklich begrüßt, als er nach seinem Besuch in den USA die dortige Praxis "der positiven Laizität" lobte. Sarkozy nutzt die Frankreichreise Benedikts XVI. nun dazu, das Prinzip der Laizität weiter zu untergraben - und die großen Kulturinstitutionen, die unter staatlicher Kontrolle stehen, helfen ihm dabei. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen rückte während der Rede des Papstes im Elysée-Palast das große goldene Kreuz vor dessen Brust in den Mittelpunkt - ein ostentatives religiöses Zeichen, was sonst?

Zu behaupten, der Laizismus in Frankreich sei jemals perfekt gewesen, wäre Heuchelei. Es ist ein permanenter Machtkampf, den die Verteidiger der katholischen Mehrheitsreligion nie ganz aufgegeben haben, wie ihr Einsatz für katholische Privatschulen oder das Tragen von ostentativen Kreuzchen gezeigt hat. Aber immerhin hat der Laizismus all jenen Franzosen, die anders denken und glauben als die Kirche von Rom, Luft verschafft. Nicht zufällig gehören die liberalen Spitzen der jüdischen Gemeinde wie auch die französische Linke zu den energischsten Verteidigern dieses Prinzips.

Doch Sarkozy und Benedikt XVI. sind dabei, das religiöse Terrain auszudehnen. Heute ist der Laizismus in Frankreich deshalb so gefährdet, wie das zuletzt nur während des Vichy-Regimes der Fall war. Sollten sie Erfolg haben, dann könnte die politische Spitze in Paris eines nicht allzu fernen Tages - wie in Washington - erst beten, bevor sie Politik (oder Krieg) macht. DOROTHEA HAHN

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Kommt aus Köln. Ihre früheren journalistischen Stationen waren Mexiko-Stadt, Berlin und Paris. Seit 2010 ist sie taz-Korrespondentin in den USA. Sie lebt in New York.

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