Kommentar Qualitätsfernsehen: Die Quotenlemminge

Marcel Reich-Ranickis TV-Kritik zeugt von Unkenntnis, legt aber die krasse Ideenlosigkeit der Fernsehverwalter offen. Keiner wollte daher sein Produkt wirklich verteidigen.

Zwei Wochen ist es nun her, dass Marcel Reich-Ranicki zur Unterstreichung der eigenen Relevanz auf das Medium Fernsehen eindrosch, just als dieses ihm einen Ehrenpreis verleihen wollte. Der 88-Jährige tat das auf Basis seines von wenig Kenntnis gespeisten Empfindens. Später, im Gespräch mit Thomas Gottschalk, kokettierte er: Die Sendungen, über die er spreche, sehe er nicht, weil sie so "grässlich" und "abscheulich" seien. Es ist albern, auf dieser Grundlage eine Qualitätsdebatte führen zu wollen.

Nicht nur albern, sondern unverzeihlich ist, dass Reich-Ranicki implizit eine Ausschlussproduktion von elitärer Warte aus forderte - eine Art Oberschichtenfernsehen, das sich mit Literatur, Lyrik und natürlich mit Reich-Ranicki beschäftigt. Shakespeare etwa sei doch ein großer Unterhalter gewesen, sagte er. Oder Brecht, "der größte Poet". Solle man halt die verfilmen. Ach je. Reich-Ranicki kann nicht vom Automechaniker Zlatko gehört haben, der es vor acht Jahren als Repräsentant eines neuen Fernsehens zu Ruhm gebracht hat, das später vorübergehend in "Unterschichtenfernsehen" umbenannt wurde. Zlatko nannte Shakespeares Werke im "Big Brother"-Haus nonchalant "Deppengeschwätz". Reich-Ranicki aber sitzt unter seiner Käseglocke dem Irrtum auf, er sei qua Ehrendoktorhutsammlung und Zeigefinger-Parkinson schon auf der richtigen Seite. Ist er nicht. Er weiß überhaupt nicht, welche Seiten es gibt.

Man müsste also aus seiner Kritik überhaupt keine Notwendigkeit für eine Qualitätsdebatte ableiten. Hätte er nicht doch, instinktiv vielleicht, einen wunden Punkt getroffen. Protagonisten des Mediums bewiesen es. Sie gingen nach seiner Abrechnung wie getroffene Hirsche in die Offensive und verteidigten ihr je eigenes Schaffen: Schauspielerin Veronika Ferres etwa lobte sich mit den Worten, sie könne sich nicht vorstellen, dass Reich-Ranicki wirklich alle Formate schlecht finde. Moderator Markus Lanz, einst dort angestellt, verteidigte RTL. Und Moderator Jörg Thadeusz schrieb, die Redaktion bereite seine Sendung "Kluge Köpfe" im RBB "mit der Wucht einer Diplomarbeit" vor. Reich-Ranicki hat ihrer Arbeit pauschal den Deppenstempel verpasst. Es ist nachvollziehbar, dass sie sich wehren. Doch sie alle führen eine Stellvertreterdebatte. Es geht im Kern nicht um einzelne Formate - ja, es gibt viele gute, in allen Genres. Es geht um das Selbstverständnis. Was will Fernsehen? Was kann es? Könnte es auch anders? Das Ursprungsdilemma bleibt, dass "das Fernsehen" tendenziell vorrangig an Zuschauerzahlen orientiert ist - immer unter Nutzung des schlimmstmöglichen Arguments: "Die Leute wollen es so." Fernsehverwalter schieben die Verantwortung für ihr Programm so dem Publikum zu. Zugleich aber weigern sie sich, darauf zu reagieren, dass die Zuschauer tatsächlich aktiv werden und das Fernsehen zunehmend als internetbegleitendes Medium nutzen oder in den DVD-Verleih abwandern.

Das Ergebnis ist "Me too"-Fernsehen. Dass unglaublich viele Menschen den Komiker Mario Barth und seine Frau-am-Herd-Witze mögen, sagt noch nichts über das Fernsehen. Auch nicht die Existenz einer Sendung wie der von "Richterin Barbara Salesch", die ein Bild der Justiz vermittelt, wie sie niemals sein darf. Das Dilemma des Fernsehens entsteht, wenn Barth auf vielen Kanälen stattfindet, mehrfach pro Woche. Wenn Gerichtsshows jeden Tag vier Stunden Sendezeit allein bei Sat.1 füllen. Elke Heidenreichs Sendung "Lesen!", von deren Fortexistenz eben noch, auf halber Strecke zwischen Geschwätz und Diskurs, die Zukunft des Fernsehens abzuhängen schien, machte nur etwa zwei Stunden im ZDF-Programm aus - im Jahr 2008. Mit Heidenreich fällt und steigt die Qualität "des Fernsehens" nicht. Sie steigt und fällt mit Ideen, Information, Erzählweisen und Vielfalt. Mögen viele Zuschauer Bruce Darnell, der bei ProSieben jungen Frauen sagte, wie sie ihre Handtasche halten sollen, kauft ihn prompt die ARD ein und gibt ihm eine Stilberatungsshow. Aber statt ihn dann wenigstens tun zu lassen, was er kann - Handtaschen halten, gut aussehen, Ende -, musste seine Show, man ist ja öffentlich-rechtliches Bildungsfernsehen, einen sozialpädagogischen Einschlag bekommen. Selbstverständlich schaltete kaum jemand ein.

Es fehlt eine Idee davon, was Fernsehen kann und soll. Die langwierige, plumpe und von Reich-Ranicki so heftig kritisierte Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, der von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ausgerichtet wird, der also durchaus etwas mit dem Selbstverständnis des Mediums zu tun hat, bewies es eindrucksvoll. Worauf kann man sich einigen? Auf ein verheultes Drama? Auf den Quotenbringer "Deutschland sucht den Superstar", der als beste Unterhaltungsshow ausgezeichnet wurde? Und wie soll man reagieren, wenn dem Erfolg der RTL-Show eine Musical-Castingshow mit Thomas Gottschalk, dem Fips Asmussen der Grundschullehrer, im ZDF folgt? Soll man gratulieren, nach dem Motto: "Endlich! Sozialpornografie jetzt pädagogisch wertvoll"?

Was das Fernsehen trotz Ausnahmen vermissen lässt, ist der Wagemut, sich nicht nur im Nachtprogramm der Dritten über Quoteneindrücke hinwegzusetzen. Was floppt, fliegt. Was gesehen wird, wird potenziert. Wenn sich diese kurzfristige Denkhaltung aber aus wirtschaftlichen Gründen angeblich nicht ändern lässt, liegt die Verantwortung für das Programm trotzdem nicht bei den Zuschauern, sondern bei den Sendern. Wer "Dschungelcamp", "Big Brother" und die "Super-Nanny" erfindet, kann auch ein populäres Programm gestalten, das nicht nur mit der Emo-Hupe simulierte Gefühle absondert und Image-Stereotype erschafft, deren reale Entsprechung nirgends zu finden ist, aber vorrangig niedere Instinkte bedient. Das Fernsehen braucht nicht mehr "Tagesthemen"-Kommentare, sondern ein Programm, dessen öffentlicher Auftrag weder vergessen noch mit dem Dreschflegel umgesetzt wird.

Qualität beginnt, wie der neue ARD-Programmdirektor Volker Herres soeben sagte, nicht dort, wo klassische Musik aufgeführt wird. Sie beginnt, wo eine Auseinandersetzung mit Themen stattfindet, die den Namen Auseinandersetzung verdient; wo eine Fiktion ein Gespür dafür vermittelt, was in dieser Gesellschaft tatsächlich passiert; und wo man über kreative Unterhaltungsshows staunt, auch wenn sie nicht zur Volksgesundheit beitragen.

Das alles gibt es schon, bei ProSieben, bei der ARD, bei Vox. Dass sich das deutsche Fernsehen dennoch mit dem Deppenimage herumschlagen muss, liegt daran, dass man immer, wenn man eine gute Sendung sieht, entweder etwas ganz Erstaunliches ausgemacht zu haben glaubt - oder einen US-Import sieht. Doch: Die Abschaffung der Couch steht nicht bevor. Gleichzeitig werden sich die Rezeptionsbedingungen durch das Internet weiter verändern. Das Fernsehen befindet sich daher zwangsläufig im Umbruch. Es ist die richtige Zeit, Marcel Reich-Ranicki eines Besseren zu belehren.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben