Kommentar Prothesen in der Leichtathletik: Nur die Körperkraft zählt

Der Ausschluss des amputierten Sprinters Pistorius ist verständlich. Denn lässt man Prothesen zu, wird es noch schwieriger, den echten Sieger eines Laufwettkampfes zu ermitteln.

Die Leichtathletik bleibt, wie sie war. Versehrte haben keinen Platz in einer der Kerndisziplinen bei Olympischen Spielen. Die Entscheidung, die der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) am Montag getroffen hat, ist kein Urteil wider den Behindertensport. Der unterschenkelamputierte Oscar Pistorius wird nicht von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, weil er behindert ist, sondern weil seine Leistungen mit denen von nichtbehinderten Sportlern nicht vergleichbar sind. Es mag zwar merkwürdig anmuten, dass ein Mann ohne Unterschenkel nicht mitlaufen darf, weil ihm wegen seiner Behinderung ein Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz, die nicht mit Prothesen antritt, attestiert wird. Verständlich ist die Entscheidung dennoch. Sie trägt zur Glaubwürdigkeit des Sports bei.

Zu sehr würde sich die Sportart verändern, ließe man Sportler mit ihren Hightechprothesen zu den großen Wettkämpfen zu. Mit Training alleine ließe sich dann vielleicht schon bald kein großes Finale mehr gewinnen. Ein technischer Wettlauf um das beste Material würde die Meisterschaften mitentscheiden. In der Studie, die Grundlage war für den Ausschluss des Südafrikaners, wurde nachgewiesen, dass eine Karbonprothese, wie sie Pistorius verwendet, der menschlichen Achillessehne überlegen ist. Das kann man akzeptieren und in den Wettbewerb um das beste Ersatzprodukt eintreten. Auch beim Bobsport gewinnt ein Team nicht allein, weil seine Anschieber so kräftig sind. Der Materialwettkampf gehört im Eiskanal einfach dazu.

In der Leichtathletik dagegen war es bislang der menschliche Körper allein, der ins Rennen geschickt wurde. Gerade die Laufdisziplinen leben von der Faszination des Duells Mensch gegen Mensch, auch wenn der faire Wettkampf mehr und mehr zu einer Utopie geworden ist. Systematisches Doping mit Drogen und Medikamenten haben die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik mittlerweile nachhaltig beschädigt. Schon lange kann man sich nicht mehr sicher sein, dass der Erste im Ziel wirklich der beste Läufer ist. Sollten technische Hilfsmittel wie etwa die Prothesen zugelassen werden, würde es noch viel schwieriger, einen echten Sieger zu ermitteln.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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