Kommentar Proteste in Griechenland: Europa schafft sich ab

Wer denkt, dass die Griechen selber Schuld an ihrer Lage sind, verkennt die komplexen Ursachen der Misere und nimmt billigend in Kauf, dass der Euro und die EU kaputtgehen.

Brennende Autos, attackierte Polizisten, schwerverletzte Demonstranten: Was sich in Athen und anderen größeren Städten des Landes abspielt, ist eine Tragödie. Manche tun diese Geschehnisse mit einem Schulterzucken ab oder meinen, die Griechen hätten halt nicht so viel Schulden machen sollen. Wer so denkt, verkennt aber nicht nur die komplexen Ursachen der Misere, sondern nimmt auch billigend in Kauf, dass der Euro und die EU kaputtgehen.

Das Austeritätsprogramm, das die EU den Griechen aufgezwungen hat, funktioniert nicht. Es kann gar nicht funktionieren, denn es zwingt die griechische Wirtschaft in eine Abwärtsspirale.

Darunter leidet die große Mehrheit der Bevölkerung, die sich deswegen völlig zu Recht zur Wehr setzt. Generalstreiks und Demonstrationen folgen in immer kürzeren Intervallen. Ministerpräsident Papandreou wird seinen Kurs nicht mehr lange durchhalten können.

Jürgen Gottschlich ist Türkei-Korrespondent der taz.

Wenn es so weitergeht, zwingt die EU die Griechen praktisch aus dem Euro heraus, damit diese ihre Währung abwerten und ein Schuldenmoratorium nach argentinischem Vorbild vorlegen können. Was für Griechenland gilt, könnte in naher Zukunft auch in Irland, Portugal und Spanien Realität werden. Der Auflösungsprozess des Euro - und dem folgend der gesamten EU - wird dann nur noch schwer zu stoppen sein.

Deutschland ist der Key-Player, wenn es darum geht, diese Entwicklung aufzuhalten. Aber die Bundesregierung steuert genau in die falsche Richtung. Mit dem Spruch: "Wir sind doch nicht die Zahlmeister Europas" wird die EU beerdigt.

Das weltweit wichtigste Projekt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht vor dem Scheitern, weil dummer nationaler Egoismus eine Lösung der Probleme verhindert. Leider werden die meisten erst zu spät begreifen, was sie dann verloren haben.

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