Kommentar Norddeutschland: Eine Frage der Prioritäten

121 Menschen sind schon eine Zahl, mit der man Vielfalt abbilden könnte. Das auch einzufordern, ist keine übertriebene Political Correctness.

Die gesellschaftliche Realität wird mit dem Ziel abgebildet, kulturelle Vielfalt als Teil der Alltagsnormalität zu etablieren“, heißt es in den „Leitlinien“ für die Programmgestaltung des NDR. Und weiter: „Der NDR berücksichtigt und stellt in seinem medialen Angebot Menschen mit Migrationshintergrund als selbstverständliche Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Gesellschaft dar.“ Hehre Worte, aber offensichtlich nicht viel dahinter, wenn man sich die Protagonisten des „Tags der Norddeutschen“ anschaut. Migranten sind dort eher Randfiguren, quantitativ und auch, was ihre soziale Rolle angeht.

Nun könnte man sagen: Da steckt bestimmt kein böser Wille hinter. Bestimmt nicht. Aber 121 Menschen sind schon eine Zahl, mit der man Vielfalt abbilden könnte. Das auch einzufordern, ist keine übertriebene Political Correctness.

Wenn sich beim Casting für den Norddeutschland-Marathon keine Migranten beworben haben sollten, muss der NDR sich fragen, ob er eigentlich grundsätzlich ein Programm macht, das alle gesellschaftlichen Gruppen – und Gebührenzahler – anspricht.

Und selbst wenn sich keine fernsehtauglichen Migranten beworben haben – die Redaktion des Formats hat bei der Mischung ja durchaus nachgesteuert. Zum Beispiel, damit die Frauenquote stimmt. Da ist es eine Frage der Prioritäten, ob Migranten auch ein Thema sind.

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Jan Kahlcke, geboren 1967, von 1999 bis 2003 Volontär und Redakteur bei der taz.bremen, kehrte nach freien Lehr- und Wanderjahren 2007 als Redaktionsleiter zur taz.nord zurück

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