Kommentar Kindstötungen: Unsere Kinder

Nach spektakulären Kindstötungen verfallen viele in naheliegende Erklärungsversuche. Doch die greifen immer zu kurz.

Schon wieder machen Fälle von mehrfachen Kindstötungen Schlagzeilen. Im sächsischen Plauen soll eine Mutter drei ihrer Babys kurz nach der Geburt umgebracht haben. Die Polizei fand die Leichen in einem Koffer, auf einem Balkon und in einer Tiefkühltruhe. Im schleswig-holsteinischen Darry hat eine alleinstehende Mutter vorgestern ihre fünf Söhne getötet. Offenbar, so heißt es heute, litt sie an einer psychischen Störung.

Wie immer nach solchen Taten wird nach Erklärungen gesucht. Die Tat in Plauen erinnert an den Fall in Frankfurt an der Oder, der vor zwei Jahren die Republik erschütterte. Dort hatte eine Mutter neun ihrer Kinder kurz nach der Geburt umgebracht und die Leichen jahrelang auf ihrem Balkon versteckt. Damals machte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm "die von der SED erzwungene Proletarisierung" des Ostens für solche Vorfälle verantwortlich; nach lautstarkem Protest entschuldigte er sich. Andere, wie der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz, wiesen auf die Erfahrung des Nachwende-Umbruchs in Ostdeutschland hin, die viele Menschen überfordert habe.

Kulturelle Erklärungsmuster werden auch gerne herangezogen, wenn es um "Ehrenmorde" an Töchtern in Einwandererfamilien geht. Doch worauf verweist dann die Häufung spektakulärer Kindstötungen in deutschen Problemfamilien? Was erklärt die mörderische Verwahrlosung, der Kinder, wie etwa die siebenjährige Jessica, die 2005 in Hamburg verhungerte, der zweijährige Kevin, der in Bremen in einem Kühlschrank gefunden wurde, oder zuletzt die verhungerte Lea-Sophie in Schwerin, zum Opfer fielen? Sind diese Kinder Kollateralschäden einer individualisierten Gesellschaft, der es einfach an Familiensinn fehlt, wie manch schlicht gestrickte Konservative meinen?

Die aktuellen Fälle zeigen, dass monokausale Erklärungsmuster stets zu kurz greifen. Sicher haben Fälle wie der jetzt in Plauen mit der sozialen Realität in abgehängten Regionen zu tun. Und sicher sagen die traurigen Tode von Jessica, Kevin und Lea-Sophie viel über die prekäre Lage in Hochhaussiedlungen am Rande deutscher Großstädte aus. Doch das allein erklärt noch nichts. Es bleibt bei solchen Taten stets ein Rest Unbegreifliches.

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Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz und ist im Vorstand der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Er lebt in Berlin.

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