Kommentar Indiens Ängste: Der nächste Krieg um Kaschmir

Indien hat Angst davor, dass ein Taliban-freundliches Regime in Kabul zusammen mit Pakistan versuchen wird, den Kaschmir-Konflikt anzuheizen.

Die indische Regierung ist empört, nicht nur - wie üblich - über Pakistan, sondern auch über den Westen. Die Verantwortlichen sprechen es noch nicht offen aus, aber man kann es überall lesen und hören: Neu-Delhi fühlt sich derzeit nur noch als zweitwichtigster Nato-Partner in der Region - nach Pakistan. Vor allem aber fühlt es sich zunehmend in eine Zuschauerrolle im Afghanistan-Konflikt gedrängt.

Das gilt spätestens seit der Londoner Afghanistan-Konferenz, als die Nato ihre neue Strategie zur Einbindung der "guten" und Bekämpfung der "bösen" Taliban in Afghanistan mit Pakistan abstimmte, aber nicht mit Neu-Delhi. Dort hatte man sich nämlich vehement gegen eine solche Unterscheidung der Taliban gewehrt.

Die Inder denken immer ein Stück weiter, wenn es um Afghanistan geht. Sie denken an Kaschmir, um das sie in 60 Jahren schon drei Kriege mit Pakistan gefochten haben. Kaschmir ist für sie der nächste Konflikt nach Afghanistan.

ist Indienkorrespondent der taz.

Deshalb verabscheuen sie Kompromisse mit den Taliban: Ein Taliban-freundliches Regime in Kabul wäre immer in Versuchung, mit Pakistan für die Befreiung des muslimisch bevölkerten Kaschmir von Indien zu kämpfen. Würden dann die Nato-Truppen - wie im Westen erhofft - bald die Region verlassen, stünde Indien allein gegen kriegserfahrene Pakistaner und Afghanen da.

Ständig klagt Neu-Delhi über die halbherzigen pakistanischen Ermittlungen gegen die Mumbai-Attentäter. Pakistan dagegen brüstet sich der westlichen Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus. Tatsächlich bekommt es aus den USA auch noch die neuesten Antiterrorwaffen geliefert. Neu-Delhi aber ahnt, dass es ein mit dem Westen verbündetes Pakistan mehr denn je fürchten muss.

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Georg Blume wurde 1963 in Hannover geboren und ist gelernter Zimmermann. Er leistete seinen Zivildienst in einem jüdischen Kinderheim sowie in einem Zentrum für Friedensforschung in Paris. Danach blieb Georg Blume in Frankreich und wurde Korrespondent der taz. 1989 wurde er Tokio-Korrespondent der taz, ab 1992 auch für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Von 1997 bis 2009 lebte er in Peking, wo er ebenfalls als Auslandskorrespondent für die ZEIT und die taz schrieb, seit August 2009 ist er für die beiden Zeitungen Korrespondent in Neu-Delhi. Bekannt geworden ist Georg Blume vor allem durch seine Reportagen über Umweltskandale und Menschenrechtsverletzungen in China. Für dieses Engagement erhielt er 2007 den Liberty Award, mit dem im Ausland tätige Journalisten für ihre couragierten Berichterstattungen gewürdigt werden. 2012 wurde er mit dem Medienethik-Award META der Hochschule der Medien in Stuttgart ausgezeichnet. Publikationen: „Chinesische Reise“, Wagenbach, Berlin 1998. „Modell China“, Wagenbach, Berlin 2002. „China ist kein Reich des Bösen“, Körber, Hamburg 2008.

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