Kommentar Dalai-Lama-Besuch: Am Zeitgeist vorbei

Das Eintreten des Dalai Lama für Toleranz ist glaubwürdig. Er genießt die Sympathie der Deutschen. Der SPD scheint dies entgangen zu sein. Nun stehen sie als herzlose Bürokraten da.

Mag die chinesische Führung den Dalai Lama noch so sehr als "Separatisten" oder buddhistischen Fundamentalisten verteufeln: Für die Mehrheit der Bundesbürger steht der Friedensnobelpreisträger auf einer Stufe mit Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und anderen Ikonen des gewaltlosen Widerstands. Sein Eintreten für Toleranz wirkt glaubwürdig; seine Forderung nach einer begrenzten Autonomie für Tibet und mehr Rechte für Minderheiten in China klingen plausibel und nachvollziehbar; sein kompromissbereites und bescheidenes Auftreten nimmt viele für seine Sache ein.

Die vielen Tibetfahnen, die in bürgerlichen Vierteln deutscher Städte von den Balkonen hängen, machen sehr deutlich, wo die Sympathien liegen. Doch der SPD scheinen diese Zeichen der Zeit entgangen zu sein. Während zahlreiche Unionspolitiker die Chance genutzt haben, sich im Licht einer guten Sache zu sonnen, indem sie den Dalai Lama während seiner Deutschlandvisite empfangen haben, stehen die Sozialdemokraten als herzlose Bürokraten da, denen ein gutes Verhältnis zu China vor den Menschenrechten geht.

Das ist natürlich ungerecht: Schließlich hat Angela Merkel diesmal geschickt die zweite Reihe ihrer Parteikollegen vorgeschickt, die China nicht weiter stören. Die SPD dagegen entzweit sich über den Alleingang ihrer Ministerin Wiezcorek-Zeul. Doch wenn Beck jetzt beklagt, er habe das Kuddelmuddel ("Scheiß") nicht verhindern können, legt er nur sein eigenes Versagen bloß. Der Termin der Dalai-Lama-Reise war schließlich lange genug bekannt, um eine kohärente Strategie zu entwickeln.

Die bisherige Haltung der SPD überzeugt jedenfalls nicht. Natürlich kann man sich fragen, ob es den Tibetern viel bringt, wenn sich der Dalai Lama mit Leuten wie Roland Koch trifft. Doch das Mittel, auf das der Tibeter setzt, ist nun mal, sein Anliegen auf diese Weise an die Öffentlichkeit zu tragen.

Die führenden Köpfe der SPD dagegen behaupten, dass es den Menschenrechten in China dienlicher wäre, auf solche Symbolik zu verzichten und hinter den Kulissen auf Wandel zu drängen. Damit legen sie nahe, besser als der Dalai Lama zu wissen, was gut für die Tibeter ist. Nur: das nimmt ihnen niemand ab.

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Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz: im Kulturteil, im Ressort "Meinung und Debatte" und im Inlandsressort. Heute leitet er die Stabsstelle Kommunikation und Wissenstransfer am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Er lebt in Berlin.

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