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Kommentar BiokraftstoffeEin Lehrstück

Heike Holdinghausen
Kommentar von Heike Holdinghausen

Die Parteien vernachlässigen eine wesentliche Debatte: wie eine lebenswerte Gesellschaft mit weniger Mobilität und weniger Konsum aussehen könnte.

D er Umgang mit Biokraftstoffen kann als Lehrstück verfehlter Industriepolitik gelesen werden. Erst gilt das Rapsöl im Tank als Retter in der Klimanot. Von der Politik gefördert, wächst eine Branche, Raffinerien entstehen, kilometerlang leuchten die Äcker in Gelb. Dann werden die Kosten der neuen Technik deutlich: Energiepflanzen treten in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln und zu ökologisch notwendigen Brachflächen oder Regenwäldern - und die Energiebilanz ist auch nicht wie erhofft. Schließlich: Der Industrie wird die Förderung und damit die Existenzgrundlage entzogen. Viele der kleinen und mittleren Unternehmen - die die Branche dominieren - werden das nicht überleben.

Trotzdem ist das Gesetz zur Förderung von Biokraftstoffen, das der Bundesrat an diesem Freitag wahrscheinlich durchwinken wird, vernünftig. Die Technologie verdient keine herausgehobene Förderung, dazu hat der Pflanzendiesel zu viele ökologische, technische und soziale Nachteile. Längst arbeiten Wissenschaftler und Unternehmen an Kraftstoffen aus Biomasse, die mehr Energie liefern, nicht auf essbare Pflanzenöle zurückgreifen müssen und bessere technische Eigenschaften aufweisen, also die Motoren von Fahrzeugen schonen.

Hier forschen, aufgrund der hohen Investitionskosten, vor allem die großen Mineralölkonzerne. Wirklich zukunftsfähige Pflanzentreibstoffe wird man in großindustriellen Strukturen produzieren, die kleinen Ölmühlen sind dieser Herausforderung nicht gewachsen. Auch wenn das unsympathisch ist: Mit dem Biodiesel - der diesen Namen zu Unrecht trägt - bieten sie keine Zukunftstechnologie.

Wenn die Biodiesel-Geschichte also etwas lehrt, dann, dass Vorsicht geboten ist, wenn eine technische Innovation den Ausweg aus den Problemen verspricht, die das fossile Zeitalter geschaffen hat. Trotzdem fokussieren die Parteien die Diskussion immer wieder auf technische Lösungen - siehe etwa die der Kohlendioxidabspaltung CCS - und vernachlässigen dabei eine wesentliche Debatte: wie eine lebenswerte Gesellschaft mit weniger Mobilität und weniger Konsum aussehen könnte.

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Heike Holdinghausen
Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
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2 Kommentare

 / 
  • S
    sublimierung

    Auch die Biokraftstoffe der zweiten Generation aus nicht essbaren Nutzpflanzen bietet Chancen für den Mittelstand. Denn aufgrund der geringen Energiedichte dieser Pflanzen muss Ernte und Raffinierung in räumlicher Nähe stattfinden. Langer Transport verdirbt die Energiebilanz.

     

    Eigentlich macht deshalb gerade hier aus wissenschaftlicher Sicht eine dezentrale Struktur Sinn. Es liegt an der Politik die Technologie vorranzutreiben. Bei der Mineralölindustrie ist dieser wichtige Faktor zur CO2-Emissionsreduktion sicherlich suboptimal aufgehoben...

  • H
    hto

    Zitat Holdinghausen: "... und vernachlässigen dabei eine wesentliche Debatte: wie eine lebenswerte Gesellschaft mit weniger Mobilität und weniger Konsum aussehen könnte."

     

    Na wo ist dann der "lässige" Anfang dieser offenbar dringend benötigten Debatte - Warten auf Godot / den Sündenbock / die Fachidioten / die adäquate Plattform???