Kommentar Bayern-Wahl: CSU in Schockstarre

Huber und Beckstein präsentieren sich nach der Absturz-Wahl ratlos - stellt sie doch das Selbstverständnis der CSU in Frage. Doch die Partei wird sich an solche Niederlagen gewöhnen müssen.

Als Nichtbayer hat man schon immer geahnt, dass die CSU etwas Irrationales hat. Die Fassade von Folklore und kühler technokratischer Ratio, die Selbststilisierung zur glanzvollen, effektiv arbeitenden Staatspartei - sie wirkte stets zu perfekt, um wahr zu sein.

Dieser Verdacht war berechtigt, wie wir seit dem Auftritt von Erwin Huber und Günther Beckstein vor den Kameras am Montag wissen. Die CSU hat mehr als 17 Prozent verloren. Diese Niederlage stellt das Selbstverständnis der Partei schlechthin infrage. Jetzt wiegt die CSU in der Union kaum noch schwerer als die CDU in NRW oder in Niedersachsen. Im Juni droht sie gar aus dem Europaparlament verbannt zu werden. Die CSU war fünf Jahrzehnte lang etwas Besonderes. Was von ihr bleibt, wenn sie normal wird, weiß niemand. Doch das Spitzenduo der CSU gibt - leicht zerknirscht, aber unerschütterlich hoffnungsfroh - die Devise aus: Augen zu und durch. Niemand tritt zurück. Nichts wird geändert. Bald schon wird weiterregiert. Erwin Huber gibt eigentlich der Merkel-CDU die Schuld am CSU-Absturz. So klammert sich die CSU-Spitze an ihre Posten, sucht Schuldige anderswo und hat keine Idee, was eigentlich passiert ist.

Huber und Beckstein wirkten am Montag wie zwei, die sich mitten in einem Orkan anschicken, ihren Regenschirm aufzuspannen. So viel Ratlosigkeit ist man sogar von der SPD nicht gewohnt. Dass beide einfach erst mal weitermachen dürfen, zeigt auch, wie schwach die Opposition in der CSU ist. Ihr Kandidat ist Horst Seehofer, dessen sozialpopulistische Rhetorik manchmal an die Linkspartei erinnert. Seehofer ist populär. Wer, wenn nicht er, könnte das Bild der CSU als kalt und machtarrogant erhellen? Doch die Landtagsfraktion kann ihn nicht leiden. Außerdem hat die CSU nicht nach links Wähler verloren, sondern eher nach rechts, an FDP und Freie Wähler. Ob für die sich abzeichnende Koalition mit der FDP ausgerechnet Seehofer der richtige CSU-Chef wäre, ist zweifelhaft.

Die CSU hat mehr als nur eine jener Wahlniederlagen erlebt, an die sich Volksparteien in den Zeiten schwindender Milieubindungen nun mal gewöhnen müssen. Sie befindet sich auf einer Rutschbahn, deren Ende nicht in Sicht ist.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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