Kommentar Arbeitslosenzahlen: Die Jobmarkt-Lawine rutscht

Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist Opfer der Wirtschaftskrise. Um langfristig die Wirtschaft zu stärken, müssen nachhaltige Branchen gefördert werden.

Bei einer Lawine kommt zunächst eine kleine Schneemenge ins Rutschen, die dann immer mehr Material mit sich reißt und schließlich ins Tal donnert. Ähnliches könnte sich auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland abspielen. Während die USA die höchste Arbeitslosenzahl seit 40 Jahren melden, zeigt auch die deutsche Statistik: Es wird ernst. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geht zurück, Firmen schreiben weniger Stellen aus, weil ihnen Aufträge wegbrechen. Und dass die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr leicht abgesunken ist, liegt allein an der guten Entwicklung in den ersten drei Quartalen 2008.

Die Lawine gerät also in Bewegung. Bestes Beispiel dafür ist die Kurzarbeit, die durch die Krise förmlich explodiert. Im Dezember lagen der Agentur für Arbeit 295.000 Anträge für konjunkturell bedingte Kurzarbeit vor, im Vorjahr waren es keine 10.000. Auch wenn Firmen in Zukunft 18 Monate auf diese Weise überbrücken können: Der Abschwung droht das Land länger im Griff zu halten. Beschäftigte, die sich heute noch sicher glauben, können mit Zeitverzögerung durchaus noch in der Statistik landen. Zumal Kurzarbeit für die Firmen keineswegs kostenfrei ist. Sie tragen - trotz der staatlichen Aufstockung - die Hälfte der Sozialversicherungskosten. Wenn keine Aufträge da sind, wird sich mancher Firmenchef auch diese angebliche Bürde sparen.

Die Wahrheit ist: Niemand kann die Folgen der Krise für die Beschäftigten seriös vorhersagen. Dafür hat die Regierung selbst den letzten Beleg geliefert - mit ihrer offiziellen Prognose für die Wirtschaftsentwicklung dieses Jahres. Ein Minus von 2,25 Prozent wäre dramatisch, für eine solche Schrumpfung gibt es in den vergangenen Jahrzehnten kein Beispiel. Umso schwerer wiegen die Fehler, die die Regierung bei ihrem milliardenschweren Konjunkturpaket macht. Sie setzt mit Ideen wie der Abwrackprämie zu sehr auf eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik. Auf die Autoindustrie etwa, die seit Jahren anachronistisch dicke Spritfresser produziert. Jetzt nachhaltige Branchen wie die Windenergie zu fördern, bringt zwar kurzfristig nicht mehr Jobs - sichert aber die Zukunft der deutschen Wirtschaft.

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Ulrich Schulte, Jahrgang 1974, schreibt über Bundespolitik und Parteien. Er beschäftigt sich vor allem mit der SPD und den Grünen. Schulte arbeitet seit 2003 für die taz. Bevor er 2011 ins Parlamentsbüro wechselte, war er drei Jahre lang Chef des Inlands-Ressorts.

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