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KolumneAuferstehung mit Ankündigung

Ja ist denn schon Ostern? Nach einem halben Jahrhundert fußballerischer Diaspora hat Heilbronn beste Chancen auf die dritte Liga. Unser Kolumnistmeint: Sogar die Bundesliga ist realistisch.

Das Heilbronner Frankenstadion vermag Heimatgefühle zu wecken. Foto: Bernd Sautter

Von Bernd Sautter

Das kannst du niemandem erzählen, diese komplett chaotischen Zustände in Heilbronn. Da hat kaum was funktioniert in den letzten fünfzig Jahren. Am ärmsten dran war stets der Präsident des VfR, dem eigentlichen Top-Klub der Stadt. Zum VfR-Präsi wurdest du ja nur gewählt, weil die Leute davon ausgingen, du würdest die Schulden abstottern, die der vorige Präsi auf der Flucht hinterlassen hatte. Und wenn sich einer erbarmte, gab‘s nur Gemecker. Du solltest wissen: Der Verein für Rasenspiele Heilbronn ist ja nicht irgendein Verein. Dieser VfR ist eine große Nummer am Anfang der 1970er-Jahre. Acht Jahre Regionalliga, ein Jahr 2. Liga Süd. Damals wärst du mit einem Aufstieg in der Bundesliga gelandet. Damals kickte der VfR auf Augenhöhe mit Waldhof, 60 München oder den 1.FC Saarbrücken. Damals kletterten die Leute im Frankenstadion auf die Bäume, weil das Stadion proppenvoll war. Damals hatte der VfR einen guten Namen. Lange her.

Was hat dich bloß so ruiniert?

Dabei könntest du argumentieren: Heilbronn, Industrie, Hafen, rund 130.000 Einwohner, Umland auch – an diesem auserwählten Ort sollte Fußball von alleine funktionieren. Von wegen. Beim VfR ging schief, was schiefgehen konnte. Und am Ende hat keiner dem Verein hinterher getrauert, als die Lichter ausgingen. Im Jahr 2002 war das, als die erste Insolvenz amtlich war. Aber die Misere ging weiter. 2003 fusionierte der VfR mit der Heilbronner SpVgg 07 – und er zog auch diesen Verein in den Abgrund. 2004 wurde die zweite Insolvenz angemeldet. 2012 sollten die verbliebenen Kräfte gebündelt werden. Der Fusionsklub FC Heilbronn – in dem der VfR ja irgendwie drin steckte – ging zusammen mit Union Böckingen. Eigentlich ein Skandal. Die Union vom anderen Neckarufer war über fast hundert Jahre der absolute Erzrivale. Und plötzlich sollten die Klubs dicke Freunde werden und gemeinsame Sache machen. Folgerichtig erwies sich auch diese Idee als durchschnittlich erfolgreich. Bezirksliga war ja nicht das, was man mit der Fusion erreichen wollte. Darum gilt seit dreißig Jahren: Wenn du in Heilbronn großen Fußball sehen willst, musst du schon den Fernseher anmachen.

Lass mich bitte eine olle Kamelle aufwärmen. Damit du dir ein Bild machen kannst, wie das zuging beim VfR. Die Geschichte spielt in den 1980ern, als sich keiner mehr erbarmen will, den Präsident zu geben. Da taucht plötzlich ein gewisser Rainer Röhr auf. Holla, die Waldfee! Den kennt zwar keiner, aber gewählt wird er trotzdem. Sozusagen aus Verzweiflung. Röhr, angehender Pfarrer und seit wenigen Wochen VfR-Mitglied, verspricht, den Verein zu sanieren. Praktisch Auferstehung 1.0. Er werde Millionen auftreiben. Einflussreiche Freunde und so weiter. Wo die Freunde herkommen, das weiß nur Gott allein. Aber was willst du machen, wenn du keinen besseren Kandidaten hast, den du wählen kannst? Also wird der Röhr der neue VfR-Messias. Weil sich niemand traut, mit einer solch armen Kirchenmaus zusammenzuarbeiten, wird er sogar ohne Stellvertreter gewählt. Plötzlich liegt alle Macht bei einer Person. Und zwar bei einer, bei der viele dringenden Hochstapler-Verdacht anmelden.

Von Gott gesandt

Sportlich geht‘s gut los im ersten Spiel der Ära Röhr. Das Ligaschlusslicht DJK Konstanz ist zu Gast. Heilbronn gewinnt standesgemäß im Ausmaß von 13:0. Röhr sitzt auf der Tribüne und diktiert einem Reporter in den Notizblock: „Ich glaube schon fast, für diesen Verein hat mich Gott gesandt.“ Der Rest der Geschichte hat dann nichts mehr mit Ostern zu tun. „Dem Röhr stech‘ ich noch ein Messer in Rücken“, schreit ihm die Wirtin des VfR-Vereinsheims hinterher, bevor sie ihm Lokalverbot erteilte. Keine zwei Wochen später gibt es kaum ein VfR-Mitglied, mit dem Röhr nicht im Clinch liegt. Die Leute in der Geschäftsstelle – alles Versager. Die komplette Fußballabteilung – ein einziger „Saustall, den man ausmisten müsse“. Auch den Banken gegenüber bleibt der selbsternannte Messias in vollem Umfang sendungsbewusst. Trotz blutroter Zahlen auf den VfR-Konten. Röhr gelingt es im ersten Gespräch, dass die Bank unverzüglich alle Kreditlinien streichen will. Als die Pleite unmittelbar vor der Tür steht, taucht Röhr im Vereinsheim von Union Böckingen auf. Die VfR-Aktenordner, die er mitbringt, lässt er dort liegen. Warum auch immer.

Während Röhr keine Furcht kennt, versuchen ein paar alte VfR-Sportskameraden zu retten, was noch zu retten ist. Eine außerordentliche Hauptversammlung wird einberufen. Währenddessen fantasiert der präsidiale Erlöser bei der lokalen Zeitung, dass er bald für den Landtag kandidieren will. Fernziel Bundestag. Gerade noch rechtzeitig gelingt die Abberufung. Horst Eisele, ein alter Heilbronner Fahrensmann, lässt sich breitschlagen, den Präsidenten zu geben. Röhr strengt einen Anwalt an. Dann verliert sich seine Spur. Weitere VfR-Kamellen erspar ich dir. Es ging ja alles schief, inklusive einiger Steuertricks. Nichts gegen Eike Immel, den ehemaligen VfB-Keeper mit notorischen Geldnöten. Aber es passt ins Bild, dass er sich beim VfR als Trainer versuchen durfte. In Heilbronn erzählt man sich, er hätte schon damals die Leute angeschnorrt.

Diese ollen Geschichten erzähl ich dir so ausführlich, damit du verstehst, wie ungläubig die Leute geschaut haben, als plötzlich einer um die Ecke biegt, der den VfR Heilbronn wieder neu gründet. Onur Celik sein Name. Ehemaliges Mitglied einer VfR-A-Jugend, die Ende der 1990er völlig überraschend den Jugend-DFB-Pokal gewinnt. Und was soll ich sagen: Diese Wiederauferstehung gelingt. Seit acht Jahren sind die Schwarzweißen wieder da. Als VfR Heilbronn 96/18. Vereinsfarben wie früher. Wappen wie früher. Vier Aufstiege. Kaum Skandale. Celik erntet zwar zügig den Ruf, den VfR im Alleingang zu führen. Andererseits: Ohne eine Prise Wahnsinn kriegst du keinen Sportverein von null auf hundert. Schon gar keinen mit ruiniertem Image. Celik lässt sich von niemand aus dem Konzept bringen. Sein Plan: 2031 will er in der Regionalliga spielen. Also vierte Spielkasse unterhalb der Bundesliga. Ob du es glaubst oder nicht: Seit Kurzem scheint sogar die dritte Liga realistisch – und zwar in der nächsten Saison! Weil plötzlich ein zweiter, ebenso ehrgeiziger Präsident auf der Bildfläche erscheint.

Sein Name: Emir Cerkez. Sein Lebenswerk: die SGV Freiberg. Seine Firma: REFA Dachbau GmbH, Freiberg am Neckar. In 14 Jahren hat es Cerkez geschafft, den Dorfverein aus dem Speckgürtel von Ludwigsburg bis an die Spitze der Regionalliga zu pushen. In Württembergs Amateurliga-Szene hat man sich schon seit Jahren gefragt, wo dieser Cerkez eigentlich hin will mit seinem Verein. Dritte Liga war ausgeschlossen, denn der Sportplatz am Heutigsheimer Wasen hätte niemals die Drittliga-Auflagen erfüllt. Da kannst du die Stadt Freiberg verstehen, dass sie im Cerkez-Hobby keine öffentlichen Millionen vergraben will. Sprich: aufwändiger Stadionausbau. Darum hat der Cerkez ja längst seine Fühler ausgestreckt. In Aalen hätte er gefragt, erzählt man sich. In Großaspach ebenfalls. Sogar Heilbronn wurde diskutiert. Obwohl jeder weiß, dass ein Umzug ins Frankenstadion nichts bringt, weil das Flutlicht fehlt. Erleuchtung halt immer teuer.

Darum war neulich die Überraschung groß: Es wird doch Heilbronn! Weil die Stadt tief in die Tasche greift. Seit letztem Donnerstag ist klar: Flutlicht, Rasenheizung und Infrastruktur werden bis August aus dem Boden gestampft. So ist es beschlossen. Ebenfalls im Deal inbegriffen: die Zusammenarbeit mit dem VfR Heilbronn. Weil ja auch VfR-Präsi Celik am Deal beteiligt ist. Manche behaupten, er hätte ihn eingefädelt.

Phönix aus der Asche

Jetzt muss ich allerdings etwas vorsichtig sein. Nicht dass jemand behauptet, ich würde zu tief ins Kristallweizen schauen. Aber es ist doch klar wie ein Bundesliga-Flutlicht, dass die ganze Vereinsmeierei nur einen Sinn ergibt, wenn VfR und SGV fusionieren. Falls du Fußball-Insider bist, sag ich nur: SpVgg Greuther Fürth. Das ist ein Role Model. Der Provinzverein (also der TSV Vestenbergsgreuth) hat die Mannschaft, Startrecht und Geld. Der Stadtverein (also die SpVgg Fürth) bringt Standort, Stadion und Publikum. So hat eine erfolgreiche Fusion in Fürth funktioniert – und in Heilbronn wird das genauso gehen. Da brauchst du keine Kristallkugel.

Bleiben wir bei den zwei wichtigsten Tatsachen. Erstens: Die SGV Freiberg wird in der nächsten Saison im Frankenstadion spielen. Mal egal unter welchem Namen. Zweitens: Stand heute ist der Cerkez-Verein Tabellenführer der Regionalliga Südwest. Aktuell drei Punkte Vorsprung. Die Aufstiegschancen stehen 50 zu 50, vorsichtig ausgedrückt. Großaspach ist Zweiter. Alle anderen Vereine sind abgeschlagen. Der Noch-Freiberger Aufstieg ist durchaus plausibel. Wenn nicht in dieser Saison, dann in der nächsten. Und jetzt frag ich dich: Zu welchem Verein werden in Heilbronn die meisten Leute gehen – zum Sport- und Gesangsverein Heilbronn-Freiberg oder zu ihrem VfR? Eben. Also Fusion.

Wird schon schiefgehen

Onur Celik hat den VfR neu gegründet. Foto: privat

Jetzt kannst du natürlich skeptisch sein. Weil du nicht an Wiederauferstehung glaubst. Weil Fußball in Heilbronn immer unter schlechtem Stern. Oder weil du weißt, dass eine Dachdecker-Firma keinen Drittliga-Klub durchfinanzieren kann. Aber Obacht. Da hast du nicht mit der Schwarz-Gruppe gerechnet, also Lidl, Kaufland, Schwarz Digits und so weiter. Die unterstützen den VfR jetzt schon, halt auf Spendenbasis mit Summen, die in so einer Weltfirma kaum der Rede wert sind. So ein Konzern steigt ja erst richtig ein, wenn ein gewisses Niveau erreicht ist. Dritte Liga vielleicht, spätestens ab zweiter Liga. Jetzt haben die aber ein großes Interesse, den Standort Heilbronn groß rauszubringen. Wegen Recruiting und eigenem Image und so. Absoluter Hotspot für KI und Cyber Security soll das werden. Unterland Valley, führend in Europa. Wenn die Schwarz-Gruppe jetzt plötzlich einen Proficlub ins Nest gesetzt bekommt, da würd‘ ich schon vermuten, dass die Sponsoring-Abteilung spontan eine Powerpoint-Präsentation bastelt. Unter Bundesliga geht da gar nichts. Anders ausgedrückt: Wenn du alles aufaddierst und mit dem Gesamtumsatz der Schwarz-Gruppe von rund 175 Milliarden Euro multiplizierst, kommst du zu einem Ergebnis, das plausibler ist als alles, was der Möchtegern-Messias jemals versprochen hatte. Damals in den Achtzigern.

Apropos Röhr: Den hätt‘ ich gerne mal gefragt, wie er die Geschichte von damals in Erinnerung hat. Der ehemalige VfR-Präsident Horst Eisele hat mir vor Jahren verraten, bei ihm hätte später ein Grenzposten der innerdeutschen Grenze Mellrichstadt-Eisenhausen angerufen. Der erzählt ihm, sie hätten eine verwirrte Person aufgehalten beim Versuch in die DDR einzureisen. Darum wollten sie jetzt mit dem Präsi sprechen, weil die Person VfR-Aktenordner im Gepäck hätte. Aber der Eisele wollte nichts damit zu tun haben. Seither ist der Röhr wie vom Erdboden verschluckt. Falls du mal was von ihm gehört hast, kannst du mich gerne anrufen. Selbst wenn Ostern vorbei ist.

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