Kolumne Teilnehmende Beobachtung

Pfingsten sind Geschenke am geringsten

Vatertag, Muttertag, Europatag: Der Mai ist der Monat mit den meisten Feier- und Festtagen. Von Erbsensuppe und Marschiergeld, Flieder und Apfelkorn.

Diese Herren hatten's lustig am Vatertag Foto: dpa/Paul Zinken

|Ist das schön! Es ist Mai, der Wonnemonat mit den meisten Feiertagen. Tag der Arbeit, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Hinzu kommen Festtage wie Muttertag und – na ja – der Europatag sowie der eine oder andere Brückentag.

Meinen Tag der Arbeit verbrachte ich bei meiner Familie an der Ostsee. Im Strandcafé gab es Erbsensuppe (gratis) mit Bockwurst (1 Euro), dazu Schlager von der Dorfkapelle. Solange ich mich erinnern kann, gibt es Erbsensuppe am 1. Mai. Auch schon zu DDR-Zeiten, als der Tag noch „Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ hieß. Damals mussten die Bürger jedoch zuerst für „Frieden und Sozialismus“ demonstrieren. Sogar bei uns, in der Provinz, mit Blaskapelle und Nelke, vorbei an Häusern und Vorgärten, in denen die rote Arbeiterfahne wehte. 5 Mark „Marschiergeld“ erhielten manche ArbeiterInnen als Motivation zum Mitlaufen von ihren Betrieben.

Den Muttertag gab es damals noch nicht. Stattdessen widmete die DDR den Internationalen Frauentag am 8. März gleich allen Frauen, die aber an „ihrem“ Tag nicht freibekamen. In meiner Familie, in der die Frauen generationsübergreifend Lehrerinnen waren, gab es trotzdem einen mütterlichen Feiertag, wenn auch nicht im Mai. Am 12. Juni feierten meine Mutter, Oma und Tante Lehrertag. Den Tag, an dem die Deutsche Demokratische Republik die Leistungen der Pädagogen würdigte. Schüler überraschten ihre Klassenlehrer mit kleinen Geschenken oder Blumen. Stolz überreichte ich Frau Kmetsch in der zweiten Klasse ein Deckchen aus feiner Spitze, das meine Oma gehäkelt hatte. Wir Schüler mochten den Lehrertag, denn am Nachmittag fiel der Unterricht aus. Das Lehrerkollektiv feierte bei Kaffee und Kuchen.

Etwas rustikaler geht es hingegen am volkstümlichen Vater- oder Herrentag zu, der seinen weltlichen Ursprung Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin gehabt haben soll. Feiern die Christen an Christi Himmelfahrt die Rückkehr Jesu Christi als Sohn Gottes in den Himmel, feiern weltliche Männer vor allem sich selbst – mit geschmückten Bollerwagen und Hochprozentigem.

Mädchentour am Herrentag

Im Teenageralter begaben sich auch die pubertierenden Jungen meines Freundeskreises auf Herrentagspartie. Sie wanderten früh am Morgen los, ausgerüstet mit Hut, Wanderstiefeln und kurzen Hosen, sangen Lieder und tranken Alkoholika. Letzteres in so großen Mengen, dass die Party gegen Mittag meist schon wieder zu Ende war.

Einmal, ich war 16 Jahre alt, wollten wir Freundinnen es den Männern gleichtun. Für unsere Mädchentour am Herrentag schmückten wir unsere Fahrräder mit Flieder und Girlanden, unterwegs tranken wir Apfelkorn aus kleinen Flaschen und grölten lautstark durch die Gegend. Wir waren stark, die Menschen, die uns entgegenkamen, irritiert. Mir aber wurde die Sache mit jedem Kilometer peinlicher, und so ließ ich mich irgendwann zurückfallen und die anderen davonradeln.

Heute lasse ich es an den Maifeiertagen eher ruhiger angehen. Zu Pfingsten, wenn die Christen Kirchengeburtstag feiern, werde ich wohl ins Grüne fahren und an meine Uroma denken. „Zu Pfingsten sind die Geschenke am geringsten“, pflegte sie zu sagen, wenn ihr Geburtstag im Mai auf Pfingsten fiel.

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