Kolumne Nullen und Einsen: Die Entdeckung der Fischkoppness

Von St. Petersburg in weniger als fünf Schritten zu Pu der Bär und Supershirt: Eine Reise auf den wunderbaren Irrwegen der Serendipidingsbums.

„Die Musikgruppe Heartliner aus Ludwigshafen tritt im Weserberglandstadion in Hameln auf.“ Was das mit dem Text zu tun hat? Na alles! Bild: dpa

Es gibt kein Wort, das ich so schlecht aussprechen oder aufschreiben kann wie Serendipität. Jedes Mal verdreht sich mein Gehirn und ich muss nachschlagen, ob es nun Serendipidität heißt oder doch nur Serendipität. Ich versuche, es mir auf Englisch vorzusagen, aber scheitere nur noch mehr. Alles klingt falsch! Immer!

Dabei beschreibt das Wort doch etwas so Schönes: Das Zufallsfundprinzip, das Entdecken von Dingen, von denen man nicht mal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn dass man nach ihnen gesucht hat.

Wikipedia ist dabei das junge Königreich der Serendipität. Neulich suchte ich, inspiriert von einer Erkundung der Ostsee auf GoogleMaps, nach der nördlichsten Millionenstadt der Welt. Das ist tatsächlich St. Petersburg, wie im Wikipedia-Beitrag Nördlichste Orte der Erde steht, der nicht nur auf die Südlichsten Orte der Erde verweist (St. Petersburgs Gegenstück ist Melbourne), sondern auch auf Nordizität.

Die Nordizität ist eine Erfindung des kanadischen Geographen Louis-Edmond Hamelin und beschreibt die Nördlichkeit („Fischkoppness“ jubelt M. im Facebookchat) eines Ortes anhand von zehn Faktoren, zu denen die Erreichbarkeit, die Eisartigkeit, das BIP und der Niederschlag zählen. Die maximale Nordizität eines Ortes ist 1.000, was aber nur der Nordpol erreicht (womit also ein niedriges BIP ein Anzeichen für Nordizität sein muss, das finde ich ziemlich südistisch).

Ich muss an das Lied „Die langweiligsten Orte der Welt“ denken, in dem „Das flachste Meer der Erde“ besungen wird, was wiederum, Kreise schließen sich, die Ostsee ist, an Pu der Bärs Expedition zum Nordpol, wo Christopher Robin sagt: „Ich nehme an, dass es auch einen Ostpol und einen Westpol gibt, obwohl man allgemein nicht gern über sie spricht“, ferner an den Rattenfänger von Hameln, und seit Tagen blitzt immer wieder das Wort „Geschiebemergel“ in meinem Kopf auf und verschwindet schnell wieder.

Es gibt ein Spiel, das diese ungeplante Wissensvermehrung zum, äh, Spiel macht: „The Six Degrees of Wikipedia“ (TSDoW), was auf Stanley Milgrams „The Six Degrees of Separation“ (bei uns bekannt als Kleine-Welt-Phänomen) genauso anspielt wie auf den Filmnerd-Schwanzvergleich „The Six Degrees of Kevin Bacon“. Ziel von TSDoW ist, mit möglichst wenig Klicks von einem Beitrag zu einem anderen zu kommen.

Auf der //www.taz.de/Netzkonferenz-republica-3-Tag/!115973/:re:publica hatte ich es im Mai zum ersten Mal live gesehen, „Wir wollen nur kurz was nachschlagen und fünf Stunden später stellen wir fest, wir wissen jetzt alles über Quantenbotanik, aber nicht, wie wir dahin gekommen sind“, sagte der Moderator dort, und danach wurde der Weg von Arthrose zu Einkommenssteuer (Deutschland) beschritten und von Eisen zu Schöne Bescherung. Zwischen Schweißen bis Antarktis liegen gerade einmal fünf Artikel: Eisenzeit -> Frühgeschichte -> Nordamerika -> Arktischer Ozean -> Arktis (da ist sie schon wieder!).

Gegangen bin ich, als es von Johannes Heesters zu Mom I'd Like to Fuck ging. Ich brauchte ein neues Bier. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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