Kolumne Männer: Dumm und dümmer

Männer gelten als Freunde des Fäkalhumors. Ich auch. Aber ich bin nicht Schuld.

Dieser kleine Junge, sagte eine Freundin von mir, "dieser Junge war dermaßen süß". Sie erzählte mir von einem Zweijährigen, den sie in einer Drogerie gesehen hatte. "Der Fratz ritt auf einem Furzkissen wie auf einem Hüpfball." Bei jedem Sprung gab das Kissen das verbotene Geräusch von sich. Das Kind konnte kaum aufhören zu lachen. Die Freundin erzählte: "Der Junge genoss den Ritt auf dem furzenden Ball, wie nur kleine Kinder so was genießen können." Ich dachte: nur kleine Kinder?

Männern wird ja ein Hang zum Fäkalhumor unterstellt. Alles, was mit Körperausdünstungen und -geräuschen zu tun habe, fasziniere das grobschlächtigere Geschlecht. Und so sehr ich mich über den Vorwurf, den ich gerade selbst gemacht habe, aufregen möchte, so wenig kann ich es. Denn ich bin auch so einer.

Bitte denken Sie jetzt nichts Falsches. Ich bin durchaus in der Lage zur gepflegten Unterhaltung, esse mit Messer und Gabel und kann meist unfallfrei geradeaus laufen. Aber ich finde Gefallen an Witzen mit Fäkalbezug, die eine - no pun intended - gewisse Fallhöhe besitzen.

Ein Beispiel: In einer Folge der fantastischen Krankenhaus-Comedyserie "Scrubs" wird fast durchweg gesungen. Höhepunkt der Musical-Episode ist das getanzte und in Liedform gegossene Lob auf Stuhlproben: "Everything comes down to poo." Kein Sänger zieht dabei eine Grimasse. Darauf kommt es an: aufs Würdebewahren beim Tabubruch. Und auf den Zwiespalt zwischen glamourösem Musical-Auftritt und der kindischen Freude am Schmutzigen. Das DVD-Bonusmaterial der Folge zeigt, wie das teure Sinfonie-Orchester, das soeben das Lied vertont hat, zum ersten Mal den Text dazu hört: un-be-zahl-bar. Der Song erhielt eine Emmy-Nominierung. Woher kommt die - vor allem Männern zugesprochene - Lust am vermeintlich Privatesten, das bei näherer Betrachtung eben nichts Intimes ist, sondern von Mensch zu Mensch kaum verschieden?

Eine mögliche Antwort lautet: Es ist die Erinnerung an die Freude des Kleinkindes, das seine Unterlegenheit gegenüber den Erwachsenen für einen Moment aufhebt: Guck mal, was ich kann! Wahrscheinlich hat, wie so oft, die britische Band "Everything but the girl" Recht. Sie sang: "The heart remains a child". The humour auch.

Eine zweite Lösung bietet Sophie Rois. Die österreichische Schauspielerin wurde in einem TV-Interview gefragt: "Was ist das Katholischste an Ihnen?" Rois antwortete ohne Zögern: "Ich glaube, mein Hang zu den Eingeweiden." Hervorgerufen durch die ständige Betonung der Leiden Christi, das der Heiligen, Pi, Pa und Po. Auch ich bin in einer katholischen Gegend aufgewachsen. Vielleicht bin ich also gar nicht schuld an meinem Humor, auch nicht mein Mannsein. Sondern zweitausend Jahre Tradition. Wenn Jesus das wüsste. Vielleicht hätte es ihm gefallen. War ja auch bloß ein Mann.

Der Furzkissen-Junge weiß noch nichts von alledem. Er hüpfte, bis seine heraneilende Mutter, hochroten Kopfes, ihm Einhalt gebot. Vielleicht dachte sie da an einen Ausspruch Anke Engelkes: "Kinder sind wie Fürze. Die eigenen sind noch am erträglichsten."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben