Kolumne Männer: Duck Tales

In der Single-Börse sind sie alle gleich. Ob Mann, ob Frau – beide Geschlechter glauben, dass sie besser aussehen, wenn sie ein "Duck Face" machen.

Dass ich der einzig vernünftige Mensch auf Erden bin, war mir schon länger klar. Zwar weiß das noch nicht jeder, denn ich gehe sehr souverän damit um. Nie würde ich jemandem mein Wissen aufzwingen. Aber wer mich danach fragt, dem teile ich meine ewigen Wahrheiten gern mit: Loriots Humor ist nicht zeitlos. Mutter Teresa wird überschätzt. Der Kapitalismus hat auch gute Seiten, beispielsweise "Choco Crossies". Und: Die Würde des Menschen ist sehr wohl antastbar. Auch und gerade die des Mannes.

Dafür brauchen die meisten Männer weder Krieg noch Folter. Publikum genügt. Zum Beispiel auf Flirtbörsen im Internet. Ich meldete mich, aus journalistischer Sorgfaltspflicht heraus, bei so einem Portal an. Entgegen meiner sexuellen Orientierung klickte ich mich durch das, was "DaFreshMaker" und "ElDictatore" der Frauenwelt von sich wissen lassen wollten. Ich fühlte mich, als säße ich in einer Toilettenkabine, während ein sich unbeobachtet wähnender Mann vorm Spiegel ruft: Du bist ein Tiger, Jens!

"berlinerlover" zeigte sich mit Weichzeichner, durchdringendem Blick und auf Samt gebettet. Ein anderer versuchte, durch eine nicht eingestöpselte E-Gitarre um seinen Hals zu beeindrucken. Im Ganzen aber war ich enttäuscht: Die meisten Männer zeigten sich nicht als aufgeblasene Volltrottel. Sondern als Typen, die auf ihr Aussehen achten, aber ihrer Freundin auch die Haare aus dem Gesicht halten, wenn sie kotzen muss. Hatte meine Erziehung, die maßgeblich aus dem Studium von "Eine schrecklich nette Familie" und den "Simpsons" bestand, mir etwa klischeehafte Geschlechterbilder eingepflanzt?

Ich schaute bei den Frauen-Profilen nach. Dort blickte ich in viele "Duck Faces". Als solches wird ein derzeit weit verbreiteter Gesichtsausdruck bezeichnet. Zu sehen sind überwiegend Mädchen und junge Frauen, die ihre Lippen aufwerfen und gleichzeitig die Mundwinkel kokett straffen. Das hat das Ziel, vollere Lippen und ausgeprägtere Wangenknochen zu simulieren, führt aber meist nur dazu, dass die jungen Damen aussehen wie die Leipziger "Tatort"-Kommissarin Simone Thomalla. Und das kann nun wirklich niemand wollen.

Zurück bei den Männerfotos, sah ich genauer hin - und blickte in jede Menge Duck Faces. In der maskulinen Variante erinnern sie an Ben Stiller in der Titelrolle des Films "Zoolander". Falls Sie den Film nicht kennen und den Gedanken ertragen: Stellen Sie sich Simone Thomalla als männliches Model vor.

Die Entenschnute kombinieren Männer bevorzugt mit einer Hand am Kinn, auch als Autorenfotopose bekannt: Sein Kopf ist vor lauter Denken so schwer geworden, dass er ihn festhält. Ihm ist, als ob es tausend Gedanken gäbe, und hinter tausend Gedanken keine Welt.

Ich stellte mir vor, wie die Schnäuzelchen einander kennenlernen, gemeinsam Duck-Face-Fotos knipsen und Entenschnutenkinder großziehen. Chief Wiggum von den "Simpsons" hatte doch recht, als sich seine Krawatte in Apus Würstchenwende-Maschine verfing: "Jetzt wird es erst mal schlimmer, bevor es besser wird."

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Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

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