Kolumne Landmänner: Wer hat die Konto-Parkkralle befestigt?

Wer ein gutes Finanzamt hat, muss sich vor den Tagen nicht mit Geschenke kaufen plagen.

Dieses Jahr kam vom Finanzamt keine Weihnachtskarte. Stattdessen war plötzlich die EC-Karte gesperrt - einen Tag vor Heiligabend. Noch nicht ein Geschenk gekauft. Keine Kartoffeln im Keller, keine Würstchen im Eisschrank, kein Wein im Regal.

Herauszufinden, wer die Sperrung veranlasst hatte, bedurfte schon einigen Geschicks. Bei der Bankfiliale weiß niemand von nichts, das Pfändungswesen wurde outgesourct. Wer sich bei den Outgesourcten erkundigen möchte, braucht eine Telefon-PIN. Hat man eine erlangt und einen Outgesourcten an der Strippe, darf dieser keine Auskunft erteilen, wer die Parkkralle am Konto befestigt hat: "Ach wie, Sie dürfen mir nicht sagen, wer mein Konto gepfändet hat … hm … fängt der oder diejenige mit dem Buchstaben F an?". Es folgte ein bedeutungsvolles Schweigen, und dann ahnt man, wo die Reise hingeht.

Mein Finanzamt liegt abseits herkömmlicher Verkehrswege. Durch Eis und Schnee muss man stapfen bis zu einem Gebäudekomplex, groß wie das Pentagon oder Ceaucescus Palast. Durch endlose Flure muss man wandeln, Treppen erklimmen, Gebäudeteile erlangen. An unzähligen Türen muss man klopfen, mal sind sie verschlossen, mal wird man ver-, mal abgewiesen. Doch endlich hatte ich Frau Klabauter gefunden, meine Sachbearbeiterin, die zu bearbeiten ich gekommen war.

"Das sieht nicht gut aus" sagte sie nur, "das sieht nicht gut aus", während sie meine Akte studierte, "Sie haben zwei Quartale lang keine Vorsteuer gezahlt". Vorsteuer, das ist eine Steuer, die man für Geld bezahlt, das man noch gar nicht verdient hat. Und die Summe, die man für Geld bezahlt, das man vor zwei Jahren noch nicht verdient hat, kann nachträglich erhöht werden oder so ähnlich.

Frau Klabauter und ich diskutierten nun anhand meiner Kontoauszüge der letzten drei Monate meine Lebenshaltungskosten im Detail, dabei wuchs in mir die Ahnung, dass mein Mann keine Weihnachtsgeschenke bekommen würde. Doch so schnell darf man nicht aufgeben.

Nach einer Stunde hatte ich eine Bescheinigung in der Hand, die mir eine vorläufige Aufhebung der Pfändung meines Kontos attestierte. Marschierte weiter durch Eis und Schnee, um eine Bank zu suchen. In der Bank wusste niemand von nichts, man faxte die mehrfach bestempelte Bescheinigung stattdessen an die Outgesourcten, "dauert zwei bis drei Tage".

Ob man denn etwas Bargeld abheben könne? Es ist ja Weihnachten? Geschenke? Kartoffeln? Wein? "Da muss ich erst mal schauen, ob schon Sozialleistungen bei Ihnen angekommen sind." Am Schalter rechts brach eine alte Dame in Tränen aus, ein mittelalter Herr mit Migrationshintergrund zur Linken bekam mündlichen Bescheid: "Nix Geld".

Nix Geld. Nix Weihnachten.

Oder doch? Gut nur, dass mein Mann einen Rettungsschirm über mich spannte. Er hatte schon Kartoffeln gekauft und Würstchen und Wein. Den Weihnachtsbaum klaubten wir kostenlos aus dem Wald - abgebrochene Kiefernzweige, die mit Kugeln und Lametta behangen echt was hermachen. Und Geschenke gab es auch - für mich.

Mich kann in diesem Jahr wirklich niemand des Konsumterrorismus bezichtigen. Stattdessen habe ich mitgeholfen, Griechenland zu retten, das Bankensystem und sogar Portugal, wo mein Mann so gern mal wieder hinfahren würde. "Danke dafür", sagte er und nahm mich in den Arm. Jeder, wie er kann.

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Jahrgang 1973, ist Redakteur der taz am Wochenende. Sein Schwerpunkt liegt auf gesellschaftlichen und LGBTI-Themen. Er veröffentlichte mehrere Bücher im Fischer Taschenbuchverlag („Generation Umhängetasche“, „Landlust“ und „Vertragt Euch“). Zuletzt erschien von ihm "Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik" im Suhrkamp-Verlag (2018). Martin Reichert lebt mit seinem Lebensgefährten in Berlin-Neukölln - und so oft es geht in Slowenien

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