Kolumne Kriegsreporterin: Das ZDF halluziniert

Das ist wirklich nicht zu verstehen: "RLT aktuell" soll mehr Zuschauer haben als die "Tagesschau" oder "heute", sagt die Süddeutsche.

Liebe taz-Medienredaktion,

heute ist wieder so ein Tag - da fühl ich mich ganz schön Goethe. Ich hab das manchmal, da wach ich in meinem Feldbett auf und fühl mich Wolfgang Neuss in fortgeschrittenem Alter oder Oriana Fallaci. Schlimm sind die Tage, an denen ich mich Jenny Holzer fühle. Heute, da fühl ich mich Goethe, denn ich sitze an meinem Schreibtisch und les so für mich hin, in meiner Kriegs-Wochen-Sammlung etwas zu finden, das war mein Sinn. Wollt berichten von den schlimmen Dingen, wie Ferres und Lambsdorff und Hilde von Bingen. Da schlug ich die Süddeutsche auf und alles nahm seinen Lauf. Nun muss ich vergessen den bitteren Rest und Euch berichten von folgender Pest:

Also, und jetzt werde ich auch wieder normal, sonst hab ich ja gleich wie das ZDF gar keine Zuschauer bzw. in meinem Fall Leser mehr: Die Nachrichtensendung "RTL aktuell", so berichtet die SZ, habe erstmals mehr Zuschauer als "Tagesschau" und "heute". Nein, nicht als beide zusammen, so schlimm ist es noch nicht. Aber als jedes dieser Formate für sich. Wer "RTL aktuell" kennt, weiß, das ist schlimm genug. Und lässt die Frage zu: Was hat Peter Kloeppel, was Steffen Seibert nicht hat? Weniger Bauch? Mehr Tolle? Ein schöneres Studio? Einen tolleren Kugelschreiber? Oder machen die Weiber im RTL-Studio mehr her?

Und bevor nun die Strategen des ZDF dem armen Seibert an den Koteletten ziehen und Dunja Hayali zum Flirtkurs schicken, lesen sie hoffentlich den Aufmacher der SZ. "Das große Hartz-Theater" berichtet über die enormen Quoten, die RTL mit seinen "Scripted Dokus" einfährt. Dokumentationen aus dem unteren Randmilieu, deren Inhalte ebenso erfunden sind wie die Protagonisten unecht. Über 30 Prozent Marktanteil fahren Sendungen wie "Hochhausschlampe steht unter Mordverdacht" ein, deren Sendeplatz wann ist? Na, am Nachmittag natürlich! Und das erklärt die Zuschauerzahlen von "RTL aktuell" um 18.45 Uhr. Die Leute merken gar nicht, dass ihre Scripted Dokus aufgehört haben. Bei dem Niveau der Meldungen, die RTL als "Nachricht" verkauft, macht es kaum einen Unterschied, ob die Hochhausschlampe nachgestellt ist oder RTL seine Kamera auf irgendeine desolate Frau gehalten hat. Aber dazwischen kommt doch noch "Explosiv" und "Exclusiv", werden die Programmmacher einwenden. Da kann man nur sagen: eben.

Dabei, auch das muss man an dieser Stelle festhalten, gibt sich das ZDF alle Mühe, das Niveau von RTL zu erreichen. "Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer - ZDF präsentiert das Promipaar des Jahres zum ersten Mal im deutschen Fernsehen", traut sich die Presseabteilung zu schreiben. Und wieder einmal möchte ich als Gebührenzahlerin mein Geld zurückverlangen und die sofortige Absetzung der Leute, die so etwas verzapfen. "Das Lieblingspaar der deutschen Medien 2009" - es ist schon erstaunlich, was man sich an öffentlich-rechtlichen Halluzinationen gefallen lassen muss. "Das Lieblingspaar" - das ist schließlich immerhin noch unser Post-Bomben-Minister-ich-habe-mich-geirrt-zu-Guttenberg und sein hübsches Weiblein Stephanie. Zumindest bis das kleine Röslerchen sich mal ein wenig ins Licht traut und sein Adoptionsschicksal samt Zwillingen in die Waagschale wirft.

Dass von der FDP lernen siegen lernen heißt, hat aktuell Otto Graf Lambsdorff vorgemacht. Auch bei seinem Nachruf haben die Medien nur allzu gern die kriminelle Vergangenheit des wegen Betrugs verurteilten Ehrenvorsitzenden der Liberalen als Randbemerkung behandelt. Wer solche Medien hinter sich weiß, braucht keinen Spin-Doctor.

Und damit zurück nach Berlin!

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Silke Burmester war über 25 Jahre schreibende Journalistin. Von Anfang an auch für die taz. Hier hat sie u.a. Carla Brunis geheimes Tagebuch veröffentlicht und als „Die Kriegsreporterin“ von der Medienfront berichtet. Jetzt hat sie beschlossen, Anführerin einer Jugendbewegung zu werden und www.palais-fluxx.de für Frauen ab 47 gegründet, das "Onlinemagazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre“. Für die taz wird sie dennoch ab und zu schreiben, logo!

Silke Burmester war über 25 Jahre schreibende Journalistin. Von Anfang an auch für die taz. Hier hat sie u.a. Carla Brunis geheimes Tagebuch veröffentlicht und als „Die Kriegsreporterin“ von der Medienfront berichtet. Jetzt hat sie beschlossen, Anführerin einer Jugendbewegung zu werden und www.palais-fluxx.de für Frauen ab 47 gegründet, das "Onlinemagazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre“. Für die taz wird sie dennoch ab und zu schreiben, logo!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de