Kolumne Kapitalozän

Der beste Freund des Menschen

Die Welt und ihre Probleme sind furchtbar kompliziert. Doch keine Sorge, es gibt einen Ausweg: Sündenböcke helfen.

Ein Mann steht mit ausgebreiteten Armen an einem Rednerpult. Es ist Donald Trump

Dieser Typ ist selbstverständlich nicht der beste Freund des Menschen Foto: ap

Die wichtigste Berufsgruppe unserer Gesellschaft sind nicht die Ärzte, Feuerwehrmänner, Hebammen oder Schutzmänner, auch nicht die Baumbesetzer, Hedonisten oder Antifas. Die einzigen, die jenen Hauch an Vernunft garantieren, die verhindern, dass wir uns alle gegenseitig an den Meistbietenden verkaufen und zwar zu Ragout verarbeitet und in Dosen abgefüllt, das sind: die Lobbyisten.

Zur Erklärung machen wir jetzt einen komplizierten Sprung, hin zu Flüchtlingen. Explizit nicht gemeint sind dabei die Menschen, die als solche bezeichnet werden, weil sie das Pech hatten, aus einem Krieg zu fliehen und mittellos einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um hier dann in eine Turnhalle gepfercht zu werden.

Nein, es geht „Flüchtling“ als rhetorischer Figur, als Metapher, aufgeladen mit allem, vor was sich der Abendlandverteidiger so fürchtet. Armut, Tod, Karies. Wenn in Deutschland der gemeine AfD-Wähler in der Innenstadt keinen Parkplatz findet, Erektionsstörungen hat oder sein Marmeladenbrot auf die falsche Seite fällt – nun, dann ist daran eben ein Flüchtling Schuld.

Dieser übernimmt damit bedauerlicherweise eine sozialpsychologische Rolle: Statt Aggressionen nur im eigenen Rudel auszuleben, kann der Abendlandverteidiger negative Energien nach außen kanalisieren. Man will mit diesen Menschen freilich nichts zu tun haben, allerdings gibt’s das Problem, dass man auch als Durchschnittslinker so seine Zorneskanäle hat, beispielsweise „der Kapitalismus“, „die Globalisierung“, „die USA“, „die Wirtschaft“ oder auch „der Freihandel“. Viele davon funktionieren rechts wie links, aber der wirklich einzige Sündenbock, der wahrliche Universalität genießt, ist „der Lobbyist“:

Das Kapitalozän ist ein eigenes Erdzeitalter. In dieser Kolumne geht es ums Überleben in selbigem. Vielleicht kennen Sie bereit das Anthropozän. Super Palaverthema. Wie die Kreidezeit, das Jura oder das Paläoproterozoikum, so ist auch das Anthropozän ein eigenes Erdzeitalter. Es besagt, dass die Menschheit durch Acker- und Bergbau, durch Städte, Atombomben und Straßen die Erde so sehr umgegraben hat, dass man das noch in 1000 Millionen Jahren im Gestein erkennen wird.

Das Kapitalozän ist die linksökologische Erweiterung des Anthropozäns. Demnach ist es nicht der Mensch an sich, der Ánthropos, der den Planeten geologisch verändert. Nein, es sind die Kapitalisten. Schließlich können, global gesehen, die meisten Menschen nichts für die Naturzerstückelung.

„Kampagnen der Einwanderungslobby und Medien zielen auf immer neue Bleiberechte.“ (AfD, 2016)

„Die Bundesregierung beugt sich der europäischen Atomlobby.“ (Grüne, seit 1978)

„Eine echte Reform bedeutet, ein Gesetz zu verabschieden, das alle Geschenke und Mahlzeiten der Lobbyisten eliminiert.“ (Barack Obama, 2006)

Donald Trump

„Das Establishment und die Lobbyisten bringen unser Land total um“

„Fordert die Demokratie von der Milliarden Dollar schweren Lobby der fossilen Industrie zurück.“ (Bernie Sanders, 2016)

„Das Establishment und die Lobbyisten bringen unser Land total um.“ (Donald Trump, 2016)

„Jetzt ist der Moment, um den Lobby-Saustall auszumisten.“ (ich, 2015)

Nur ein kleiner Ausschnitt. Man muss diesen Lobbyisten danken, dass sie sich von allen gleichermaßen verprügelt lassen. Wenn nicht jeder seinen Lobbyisten auf dem Schreibtisch stehen hätte, den er bei Bedarf würgen könnte, was würden wir in Bürgerkriegen versinken.

Man stelle sich mal eine Welt vor, in der alle präzise ausdrücken müssten, wer oder was kritisiert wird, wo konkret das Problem liegt und wie es gelöst werden könnte. Schrecklich komplex wäre das. Niemand hätte mehr Zeit, diese ganzen amerikanischen Fernsehserien zu gucken, weil man sich ständig genau über alles informieren müsste, statt Schablonen nachzuplappern. Kolumnisten wären sowieso arbeitslos.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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