Kolumne Frauen: Wäsche, Wellness, Vibratoren

Beate Uhse hat die Frauen als Zielgruppe entdeckt. Aber Obacht, verehrte Damen! Lassen Sie sich nicht verführen!

Als mir die Pubertät noch ins Gesicht geschrieben stand (schwere Akne!), hatte ich eine Videokassette, die ich genauso sorgsam gehütet habe wie meine Kiffutensilien. Und im Gegensatz zu meiner kleinen Bong, einem Geburtstagsgeschenk, das mal wirklich viel Freude bereitet hat, blieb die Videokassette auch bei Hausdurchsuchungen der Staatsmacht - manche sagen auch Mutter dazu - soweit ich weiß, unentdeckt.

Es war natürlich ein Porno - frauenverachtende Unterjochungsfantasien, wie ich heute, als taz-Mitarbeiter, voller Abscheu sagen muss. Und bezeichnenderweise erinnere ich mich an keine der zahlreichen Darstellerinnen in diesem griechischen Machwerk mit französischen Untertiteln (kein Witz), nur an einen älteren Typen mit Hut, der am Stock durch die "Handlung" schlurft, weil er irgendwas am Bein hat, ansonsten aber voll funktionstüchtig ist.

Die Bong muss ich noch irgendwo haben (ich habe sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt - man muss ja heutzutage höllisch aufpassen, welche Informationen über einen so ins Internet gelangen), die Pornokassette hingegen ist verschwunden. Und selbst wenn ich abwegigerweise wollte, könnte ich sie mir nicht mehr angucken. Denn einen Videorekorder habe ich auch längst nicht mehr. Ich kenne aber jemanden, der noch einen hat - und zwar meinen.

Wie ich gestern der Zeitung entnahm, geht es der großen alten Dame der Erotikindustrie, die mittlerweile von einem 32-jährigen Holländer gemanagt wird, gar nicht gut. Der Gewinn der Beate Uhse AG ist von 6,1 Millionen Euro in den ersten neun Monaten 2008 auf 500.000 Euro im vergleichbaren Zeitraum 2009 eingebrochen. Und schuld daran ist - Sie haben es womöglich schon geahnt - die Flut kostenloser Pornoclips im Internet. "Die komplette Branche hat sich um 180 Grad gedreht", sagt der Beate-Uhse-Holländer - ein verdammt unbequemer Stellungswechsel.

Den Marktführer YouPorn, der den Computer zur Videokabine macht, vergleicht der Autor mit einem Pilzgeflecht: "Schneidet man ein Stück heraus, wächst es an anderer Stelle doppelt so groß wieder nach." Die Zeiten, in denen Filme 50 Prozent des Uhse-Umsatzes gebracht haben, sind für immer vorbei - allein die scharfe Blu-Ray-Disc hält das Videogeschäft noch am Laufen.

Doch - Vorsicht, Kalauer! - so schnell macht die Beate Uhse AG nicht schlapp. Sie hat eine Vision: "Wäsche, Wellness, Vibratoren." Weil die Herren der Schöpfung ins Internet umgezogen sind, sollen es nun die Frauen richten. Deswegen baut der Erotikkonzern seine Schmuddelshops in familienkompatible, freundlich ausgeleuchtete "Flagship Stores" um. Und weil Frauen gern allerlei Nippes in der Wohnung rumstehen haben, sehen moderne Vibratoren nicht mehr aus wie Vibratoren, sondern wie Designobjekte - die dann eben nicht nur rumstehen.

Wäre ich eine Frau - also ich würde mich von so ein bisschen frischer Wandfarbe nicht blenden lassen. Über Jahrzehnte haben Sexketten wie Beate Uhse ihr Geld mit männlichen Unterjochungsfantasien gemacht und jetzt kommen sie angekrochen (was in den einschlägigen Filmen ja den Frauen vorbehalten war) und wollen von Ihnen, verehrte Damen, gerettet werden. Denken Sie an meine Worte, wenn Sie demnächst an einem Schaufenster stehen bleiben, weil sie da so einen Spaßmacher für zwischendurch erblickt haben, der auch noch hübsch dekorativ aussieht. Überlegen Sie es sich bitte gut, ob Sie ihn kaufen.

Aber was rede ich, Sie hören ja eh nicht auf unsereinen. Eine Weisheit, älter als der Vibrator, so alt wie der Sex selbst.

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