Kolumne Das Schlagloch: Standorte und Zeitpunkte

In alten Städten versteht man die Frage nach Sex im Alter viel besser.

Jetzt kehren auch die letzten aus den Ferienorten zurück an die Standorte. Da die Standortwerdung der Welt bald abgeschlossen ist - weshalb sie tendenziell überall gleich aussieht - wird es höchste Zeit für die Frage: Was unterscheidet einen Ferienort von einem Standort? Beide sind gleich ursprünglich. Bevor die ersten Orte zu Standorten wurden, gab es keinen Tourismus. Er ist ein Not- und Überflussphänomen zugleich.

Wahrscheinlich hat ein Ferienort uns grundsätzlich nicht nötig. Es gibt zwei Grundtypen. Der erste besteht aus lauter - des Komforts wegen leicht gebändigter - Natur und diese erinnert uns jeden Tag daran, wie gut sie auch ohne uns klarkommt und wie schön es auf der Welt ohne uns wäre. Merkwürdigerweise wirkt das beruhigend. Ein Ferienort ist grundsätzlich ein heimatfähiger Ort.

Der zweite Typ besteht vor allem aus einem großen Gestern. So wie die alten Städte mit ihrer unmöglichen Infrastruktur. Es ist immer wieder seltsam, wie moderne Jetztweltler in jede alte venezianische Kirche blicken. Es mag das gute Gefühl sein, eine große Vergangenheit zu haben. Auch Vergangenheit beheimatet. Standorte haben keine, dadurch werden sie definiert.

Irgendwie sehen diese Städte von gestern auch viel menschenfreundlicher, viel bewohnbarer aus. Der DDR-Kulturhistoriker Lothar Kühne hat das einmal so formuliert: In der modernen Stadt wird die Endlichkeit unendlich, in der alten Hausstadt ist die Unendlichkeit endlich. Wer Venedig ansieht, begreift das sofort. Als Standort war es nie zu gebrauchen. Das macht seinen Anblick heute so unwirklich. Diese Stadt genügt sich selbst. Wer tut das noch in einer vernetzten Welt?

Andererseits sind in Venedig alle zu Besuch, einschließlich der Venezianer. Nur die alten Leute nicht. Die wohnen da einfach. Das ist ganz wichtig, denn so lange Menschen irgendwo wirklich leben, handelt es sich nicht um eine bloße Kulisse. Die alten Venezianer sind gewissermaßen der etwas andere Standortfaktor. Und diese Alten sind tatsächlich noch so, wie man sich ältere Menschen vorstellt. Es gibt Häuser in dieser Stadt, in denen fast nur Alte wohnen - die Jungen sind längst in die Standorte gezogen -, und morgens um sieben fliegen alle Fenster auf, und sie fangen an, einander laut von Fenster zu Fenster zu rufen: Ciao Angelina …! Den Rest des Tages sind sie dann auf Alte-Leute-Weise wieder recht leise.

Es ist merkwürdig, den alten Venezianern zuzuschauen und zugleich an den Film zu denken, der morgen in die Kinos kommt. Es ist ein Alte-Leute-Film, einer, den wir noch nicht gesehen haben. Er heißt "Wolke 9".

Regisseur Andreas Dresen hat vor fünfzehn Jahren den Dokumentarfilm eines belgischen Freundes gesehen, der eine deutsche Oma in Gera hatte. Der Film hieß "Die Männer meiner Oma". Eine Dame von damals 78 Jahren erzählte in "Die Männer meiner Oma" ihrem Enkel von den Männern ihres Lebens, von ihrem Sexleben und auch von ihrem gegenwärtigen Sexleben. Andreas Dresen war damals sehr überrascht, denn er befand sich in einem Alter, in dem der Mensch nicht einmal ernsthaft damit rechnet, dass die eigenen Eltern noch Sex haben. Es scheint so unpassend. Dresen hat "Die Männer meiner Oma" nicht mehr vergessen, und da er sich inzwischen in dem beargwöhnten fortgeschrittenen Alter befindet, hat ihn das sehr nachdenklich gemacht. Was, wenn das nie aufhört?

Und gesetzt den Fall: Warum hört - und sieht - man nie etwas davon? Und wenn, dann nur mit Klaviermusik und in Sepiaton. So, als ob es hier etwas zu verbergen gäbe. Andreas Dresen ist ein großer Entberger und vielleicht der letzte wirklich sozialkritische Filmemacher. Außerdem ist er ein großer Realist. Venedig würde ihm wohl nicht gefallen. Zu artistisch überreizt. Dresen ist mehr der Dogma-95-Typ. Dogma 95 nannten ein paar dänische Kinopuristen die Verfassung, die sich sich einst selbst gaben: echtes Licht, echte Schauspieler, echte Dialoge, echte Musik, überhaupt nichts Darüber- oder Daruntergelegtes …

Dresen hat schließlich ein paar Schauspieler fortgeschrittenen Alters angerufen und sie gefragt, ob sie nicht Lust haben, mit ihm einen Film zu machen. - Es ist gerade Filmfestival in Venedig, und nichts ist mehr vorbei als das Festival von gestern. Aber auf dem Festival von gestern - im Mai, in Cannes - standen er und die Schauspieler, die Dresen angerufen hatte, plötzlich in einem minutenlangen Beifall. Dabei hatte man ihnen gesagt - sie waren alle, einschließlich des Regisseurs, zum ersten Mal in Cannes -, dass dort gar nicht geklatscht wird. Fast nie. Was war geschehen? Die Abgesandten des Weltkinos hatten einen Quasi-Dogma-95-Film über den Sex im Alter gesehen.

Von Venedig aus begreift man "Wolke 9" noch besser. Denn von hier aus scheint das Normale als das, was es ist: nicht ganz normal. "Wolke 9" versteht sich nicht zuletzt als Protest gegen eine altenvergessene, latent altenfeindliche Gesellschaft. Erst haben die Leute keine Arbeit mehr, spätestens ab sechzig, und dann sollen sie nicht mal mehr Sex haben?, überlegte der Regisseur.

Aber "Wolke 9" ist in Wirklichkeit das Dokument einer unerhört altenfreundlichen Gesellschaft. Haben die alten Venezianer Zeit, über ihr Sexleben nachzudenken? Sie sind umgeben von steinerner Altenfeindlichkeit. Wenn sie ganz unten in diesen Häusern mit den engen Gassen wohnen, durch die kaum zwei Nebeneinandergehende passen, sitzen sie im Dunkeln. Wollen sie Licht, müssen sie diese ungemein steilen Treppen hinauf. An einen Aufzug nicht zu denken. Und hat hier schon mal jemand einen Rollator gesehen - Brücke hoch, Brücke runter …? Zuletzt: Wie pietätlos diese alten Städte sind. Vom Ospedale, dem städtischen Krankenhaus, hat man einen malerischen Ausblick auf den Friedhof. Es ist einer der schönsten Friedhöfe überhaupt, eine Friedhofsinsel, keine drei Bootsminuten entfernt.

Diese alten Städte sehen aus wie Heimaten, aber sind sie es wirklich? Waren sie es? Venedig ist vor allem eins - eine der größten Räuberhöhlen der Vergangenheit. Was für ein früher Global Player! Nein, die alten Städte wissen nichts vom Glück des Einzelnen. Nur vom Glück des Ganzen. Es muss schon sehr spät in der Geschichte sein, wenn die Frage aufkommt, ob man mit achtzig guten Sex haben kann und unter welchen Bedingungen. Die Alten - die Gesellschaften älteren Typs - hätten solche Fragen für infantil gehalten. Aber sie sind unumgänglich, ist der Einzelne erst einmal ein Einzelner geworden und misstrauisch gegen das Wohl des Ganzen. Entscheidend ist die Form der Antwort. Dresens Film ist deshalb so spröde-schön, weil er weiß, dass der Sex mit achtzig seinen Preis hat. Dass die alte Auskunft, jegliches hat seine Zeit, doch in Kraft bleibt, selbst in unserer entlasteten Gesellschaft.

Wir sind so entlastet, dass es uns schon wieder belastet. Keine Gewichte mehr zu spüren, dafür umso mehr sein Eigengewicht - das ist unheimlich. Und die Sehnsüchte, weiß "Wolke 9", bleiben. Vielleicht ist der Mensch dafür nicht gemacht. Auch darum müssen wir so oft verreisen.

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