Kolumne Das Schlagloch: Lotsen im Trümmerfeld

Washington trägt Verantwortung für die Finanzkrise. Europa muss zur Lösung beitragen.

Karl Kraus, Gründer und von 1899 bis 1936 maßgeblicher Autor der Zeitschrift Die Fackel, wusste um das Elend der Leitartikler und Kolumnisten in der Wahrnehmung vieler Leser. Seine Erkenntnis, dass der "Journalist immer einer ist, der nachher alles vorher gewusst hat", erklärt die geringen Sympathiewerte für professionelle Besserwisser. Sie gibt aber auch einen Hinweis, wer als Lotse durch die intellektuelle Trümmerwelt der Finanzkrise in Frage kommt: jemand, der schon vorher alles vorher gewusst hat.

Mit Blick auf die Finanzkrise ist die Auswahl dieser echten Experten überraschend groß. Zu den bekannteren Namen gehören der Yale-Ökonom Robert Shiller, der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, Stephen Roach, und der New Yorker Professor Nouriel Roubini. Die Akteure jedoch, deren Urteile die öffentliche Wahrnehmung und das Marktgeschehen maßgeblich beeinflussen können, haben den Eisberg unter der Wasserlinie des Finanzsystems offensichtlich zu spät erkannt. So verkündete US-Finanzminister Henry Paulson noch im März 2007, der Wertverlust von Subprime-Krediten würde zwar für einige Gläubiger schmerzhaft sein, das Ausmaß aber eng beschränkt bleiben. Und Notenbankchef Ben Bernanke gab noch im Mai 2007 zu Protokoll, dass der Subprime-Zusammenbruch den Immobilienmarkt insgesamt kaum tangieren würde, schon gar nicht das Finanzsystem oder gar die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könne.

Zu diesem Zeitpunkt saß Charles R. Morris längst am Manuskript seines Buches "The Trillion Dollar Meltdown". Der ehemalige Banker hatte in den 1990er-Jahren ein Software-Unternehmen geführt, das auf die zur Entwicklung und Bewertung komplexer Finanzprodukte notwendigen Computerprogramme spezialisiert war. Morris verfolgte aus der Nähe und zunächst mit Wohlwollen den Erfolg von Kreditverbriefungen und Finanzderivaten. Doch im Januar 2007 wurde ihm klar, dass das Sicherheitsversprechen der Produkte durch ihre extreme Verbreitung, ihre ins Absurde gesteigerte Komplexität und ihren zunehmenden Einsatz als Spekulationsinstrument sich ins Gegenteil verkehrt hatte. Er kontaktierte einen Verleger und machte sich an die Arbeit.

Im März 2008 erschien sein Buch über die "billionenschwere Kernschmelze" des Finanzsystems. Es gibt eine präzise und allgemeinverständliche Einführung in die ökonomischen und politischen Grundlagen und Auswirkungen der Finanzkrise. En passant erklärt Morris auch die Wandlungen im ideologischen Überbau der USA zwischen 1973 und 2008 sowie ihre realpolitischen Konsequenzen.

Dass Paulson, Bernanke und George W. Bush im Zusammenhang mit der Finanzkrise gerne die Metaphern von Sturm, Hurrikan und Tsunami bemühen, hat für Morris einen klaren Grund: Komplizenschaft. So trieb George W. Bush die unter Reagan mit guten Gründen begonnene Deregulierungspolitik als Begünstigungspolitik für die Finanzelite so lange auf die Spitze, bis der Multimilliardär Warren Buffet öffentlich dagegen protestierte, dass für ihn effektiv geringere Steuersätze als für seine Sekretärin gelten. Henry Paulson wiederum erwarb sich als Chef von Goldman Sachs nicht umsonst den Titel "Mr. Risk".

Die zentrale Verantwortung für die Krise weist Morris jedoch der amerikanischen Zentralbank zu. Aus ökonomischer Sicht gab es geliehenes Geld in den USA zeitweilig umsonst: Vom 11. September 2001 bis Mitte 2004 war der um die Inflation bereinigte Realzins 31 Monate in Folge negativ. Greenspan beließ es aber nicht dabei, Geld billig bereitzustellen. Als US-Bürger im Jahr 2004 ihre Eigenheime zum historisch niedrigen Festzins von 5,5 Prozent finanzieren konnten, warnte der Fed-Chef sie öffentlich und eindringlich davor, "zehntausende Dollar zu verschenken", und empfahl, doch besser die noch günstigeren Hypothekenkredite für 3,25 Prozent zu nutzen. Deren Zinssatz war jedoch nur für ein Jahr fixiert und konnte danach (das stand aber nur im Kleingedruckten) schnell auf zehn bis 15 Prozent angehoben werden.

Die immer wieder vorgebrachte Erklärung, Millionen Amerikanern sei durch diese ARMs (adjustable-rate mortgages) erst der Einzug in die eigenen vier Wände ermöglicht worden, ist nicht die ganze Wahrheit: Laut Morris wurden auch Hauseigentümer mit bestehenden Festzins-Hypotheken von Drückerkolonnen dazu gebracht, gegen Zahlung einer erheblichen Gebühr auf die scheinbar günstigeren Kurzfrist-Hypotheken mit variablen Zinsen umzusteigen. Auch viele dieser Häuser stehen jetzt vor der Zwangsversteigerung.

Die Fed war durch ein Gesetz von 1994 eigentlich zur Kontrolle der Kreditvergabe von Finanzinstitutionen und zur Unterbindung "unfairer, irreführender und räuberischer Praktiken" verpflichtet. Alan Greenspan ignorierte dieses Gesetz jedoch offenbar und begründete seine Passivität später damit, "unfair" und "irreführend" seien nicht genau genug definiert gewesen. Doch anstatt den Kongress um eine Präzisierung zu bitten, legte der oberste Währungshüter die Hände in den Schoß. So hielt es auch Christopher Cox. Der Chef der Wertpapieraufsicht SEC verständigte sich mit den ehemals fünf großen Investmentbanken auf ein "Konzept der freiwilligen Regulierung".

Als letzter Akt der Ideologie, dass jede Form der Regulierung ein Übel sei, kann der ursprüngliche Entwurf von US-Finanzminister Paulson für das Wall-Street-Rettungspaket gelten. Die Kernforderung des Dokuments: 700 Milliarden US-Dollar zur freien Disposition für den obersten Krisenmanager, sofort. Ohne Möglichkeiten zu demokratischen Ex-ante-Kontrollen oder juristischen Ex-post-Ermittlungen. Was der Finanzminister dem Kongress vorlegen wollte, war ein finanzpolitisches Ermächtigungsgesetz erster Klasse. Doch Henry Paulson ist zu Recht mit dem Versuch gescheitert, sich quasi monarchische Vollmachten erteilen zu lassen.

Trotz aller Kollateralschäden, die bereits diesseits des Atlantiks aufgetreten sind: Europa hat allen Grund, das eigene Wirtschaftsmodell selbstbewusst zu vertreten und eine Führungsrolle bei der anstehenden Gestaltung eines verbesserten Ordnungsrahmens für die Finanzmärkte zu beanspruchen. Erste Vorschläge reichen von der Einführung eines globalen Kreditregisters über die Entmachtung der Rating-Agenturen bis zur Definition von Mindeststandards und Volumenbeschränkungen für handelbare Kreditpakete. Auch "Joe" Ackermann, Chef der Deutschen Bank und einst mächtigster Statthalter des angelsächsischen Finanzkapitalismus in deutschen Landen, erkannte im März 2008: "Global operierende Banken brauchen global operierende Aufsichtsbehörden."

Richtig. Es geht nicht darum, die ökonomische Globalisierung zurückzudrehen, sondern die politische Globalisierung voranzutreiben. Karl Kraus hat den Kern des Problems in seinem Traktat "Fortschritt" formuliert: "Was haben wir nur in all der Zeit getrieben? / Wir sind mit dem Fortschritt vorausgeeilt / und hinter uns zurückgeblieben."

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