Kolumne Das Schlagloch

Moderner Polytheismus

Religion ist vor allem eine kulturelle Gewohnheit. Und die kann man wechseln.

Wer über Gott und die Welt reden möchte, kann bekanntlich nur scheitern. Sei es, weil es nichts zu sagen gibt, sei es, weil man nicht zum Ende kommt. "Was jenseits des menschlichen Wortes liegt, spricht von Gott", hat George Steiner mit unnachahmlicher irdischer Eleganz mal formuliert.

Diese Überzeugung teilt er mit vielen - unter anderem mit den brahmanischen Priestern aus vedischer Zeit, die in Exerzitien namens Brahmodya die Grenzen der Sprache so weit ausloteten, bis ein Schweigen eintrat, in dem nicht nur die Mängel der menschlichen Kommunikation sichtbar wurden, sondern auch die Realität des Göttlichen. Mit Bestimmtheit kann man nur sagen, was das Göttliche alles nicht ist - getreu einem Gedanken aus dem Daoismus, dass das Dao, das benannt werden kann, nicht das Dao sein kann. Auf Sanskrit wird diese in allen Religionen verbreitete theologische Tradition ausgedrückt durch ein doppeltes "Neti - neti" - "dieses ist es nicht und jenes auch nicht". Es liegt in der Natur der Sache, dass eine negative Definition kein Ende finden kann.

Wenn Gott entfällt, bleibt immer noch die Welt - und das ist nicht wenig, denn selbst Religionen beschäftigen sich erheblich mehr mit Mensch und Gesellschaft als mit Gott. Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, Religion stelle sich die Aufgabe, die großen Geheimnisse zu lüften, die letzten Dinge auszuleuchten. Im Gegenteil, viele Traditionen verweigern solche Erklärungen, mit unterschiedlichen Begründungen. Jene aus den altindischen Veden ist mir die liebste: dass nicht einmal der mächtigste unter den Göttern erklären könne, wie etwas aus dem Nichts habe entstehen können. Buddha erklärte sogar kategorisch, eine Kenntnis von den transzendentalen Dingen wäre unnütz.

Zwei Rabbiner widerlegen Gott

Religion ist vieles, aber nicht von Gott abhängig. Bezeichnend ist die Geschichte von den zwei Rabbinern, die eifrig über Gottesbeweise stritten, die halbe Nacht hindurch, bis sie sich schließlich einig wurden, dass Gott tatsächlich nicht existieren kann. Am nächsten Morgen fand der eine Rabbiner seinen Freund im Garten vor, versunken in seinen morgendlichen Gebeten. "Was tust du da?", rief er aus, "wir haben doch entschieden, dass es Gott nicht gibt." Worauf der betende Rabbiner erwiderte: "Was hat denn Gott damit zu tun?"

Menschen, die in keinem religiösen Verein organisiert und keinem religiösen Dogma untertan sind, sollten sich nicht einreden lassen, Glauben sei die Essenz des Religiösen. Die Gläubigen verfügen über keine Definitionshoheit - allein schon aus Gründen der Logik. Denn wenn Gott unendlich (und damit unfassbar) ist, kann keiner unter uns Menschen das letzte Wort haben. Die Frommen haben kein Vorrecht auf Spiritualität. Und es ist nicht akzeptabel, dass Fanatiker sich anmaßen, das Göttliche zu privatisieren, mit der Behauptung, ihre GmbH (für: "Glauben mit beschränkter Haftung") könne besser für Verteilung und Wahrung des göttlichen Segens sorgen.

Wieso sollte es gerade im Spirituellen keine Freiheit - genauer: keine Wahlfreiheit - geben? Wenn Religion nicht hauptsächlich Glaube ist, sondern hochkultivierte, lebensnutze Gewohnheit, dann sind die Konventionen, Bräuche und Einsichten einer jeden Religion für jeden Menschen zugänglich - unabhängig von seiner Herkunft, Prägung und Überzeugung. Die Türen der Religionen sind offen und ein jeder kann eintreten.

Monotheistische Denkfesseln

Vielleicht ist Polytheismus für unseren modernen Geist tatsächlich eine zu delikate Denkweise, wie der englische Skeptiker John Gray vermutet. Aber was hindert uns daran, auf interreligiöse Wanderschaft zu gehen? Diese Vorstellung ist kein naiv anmutendes Ideal, sondern eine Realität, die zu gewissen Zeiten und in bestimmten Regionen weit verbreitet war. Es gab Epochen, da legten die Menschen verschiedene religiöse Praktiken an und wieder ab, wie Kleidung passend zur Jahreszeit. Und wenn uns dies heute frivol, oberflächlich oder heuchlerisch vorkommt, dann liegt es an den Denkfesseln, die uns der ausschließliche Monotheismus angelegt hat.

Grundlage einer dynamischen religiösen Identität ist die Überzeugung, in Sachen Gott könnte jeder Recht haben. Ist es überhaupt möglich, dass zwei dasselbe meinen, wenn sie Gott sagen? Und ist nicht die Vielfalt religiöser Formen das einzige Angesicht Gottes, das wir kennen? "Unwissende jedoch", schrieb der indische Denker Swami Vivekananda, "versteifen sich auf einen Standpunkt. Sie verweigern anderen, das Universum nach eigener Auffassung zu interpretieren, und wagen zu sagen, dass die anderen Unrecht haben und sie allein im Recht sind."

Mohammed und Buddha

Vor Jahren suchte ich einen Priester der Palo-Monte-Religion in dem Städtchen Regla nahe Havanna in Kuba auf. Das Haus des Priesters war ein einziger bunter, vielfältiger, schwer überschaubarer Altar. Alle Wände waren bemalt, vom Priester selbst. Als ich die Fresken betrachtete, fiel mir ein arabisch gekleideter Mann auf, umgeben von schwarzen Marien. Auf meine Frage, wer dies sei, antwortete der Priester mit großer Selbstverständlichkeit: "Das ist Mohammed."

Unweit vom Propheten des Islam standen einige rundliche, gutgelaunte buddhaähnliche Skulpturen auf einem hölzernen Podest. Der Priester sah meine nächste Frage voraus: "Ja, das ist der Gautama." Ich hatte zuvor gelernt, dass Palo Monte eine afrokubanische Religion ist. Von islamischen oder buddhistischen Einflüssen war nicht die Rede gewesen.

"Wir glauben", erklärte der Priester, "dass sich jeder Mensch seine eigenen spirituellen Vorbilder auswählen darf." Wie großartig, dachte ich, und malte mir aus, wie sich Adi Shankara, Ibn Arabi, Lao Tzu, Tertullian, Kabir und Shri Ramakrishna auf meinen weißen Wänden ausmachen würden. Unter dem Konterfei Ramakrishnas könnte sein Satz stehen: "Ich musste verschiedene Religionen praktizieren, Hinduismus, Islam und Christentum, und auch die Wege der Hindusekten. Ich fand, dass es derselbe Gott ist, dem sich alle nähern, nur eben auf verschiedenen Wegen."

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