Kolumne Barbaren in Beijing: Annäherung an die Stoppelhöhe

Alle Chinesen können Billard spielen, und selbst im Taxi werde ich darauf hingewiesen, dass ich eine Beleidigung für das Auge bin.

Merkwürdige Geschichte. Die deutschen Journalisten sehen mittlerweile aus wie Strauchdiebe. Der Kollege aber hat seinen Bart picobello abrasiert. Er ist jetzt wohl kein Barbar mehr. Er ist zivilisatorisch anscheinend so weit gereift, dass er sich auf Stoppelhöhe mit den Chinesen bewegt. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Ich bin etwas verunsichert. Warum ist es bei mir nicht so schnell gegangen? Wieso schlägt die Benimm-Kur in einer der ältesten Kulturen der Welt bei mir nicht an? Gibt es gewisse Resistenzen?

Das will ich nicht hoffen, denn ich möchte genauso innerlich erneuert nach Europa zurückkehren. Ich will auch das Chinesische im Blut haben und nicht mehr diesen Wildwuchs am Kinn durch die olympischen Arenen tragen. Ich bin sicher, dass ich in den nächsten Tagen so weit bin, endlich zum Rasierer greifen zu können. Hoffen wir das Beste. Der Initiationsritus steht kurz bevor. Doch ich falle um Tage zurück, als ich mich dabei ertappe, in die Hand zu niesen, mit den Stäbchen zu patzen und im anglochinesischen Smalltalk zu versagen.

Selbst im Taxi werde ich darauf hingewiesen, dass ich eine Beleidigung für das chinesische Auge bin. Der Fahrer streift sich über seine wunderbar bartfreie Babypopobacke und deutet dann auf mich. Er fuchtelt mit den Händen herum, sagt: "Höjawuschabi." Oder so ähnlich. Sha bi, das habe ich gelesen, ist eine sehr üble Beschimpfung. Der Fahrer blickt freilich freundlich drein. Merkwürdige Geschichte. Aber wie gesagt: Ich bin noch nicht so weit, dass ich die Pekinger durchschauen würde. Bisher haben wir zig Lektionen über uns ergehen lassen, mit den unterschiedlichsten Erfolgen. Die wichtigsten Lehrstücke sollen dem Leser nicht vorenthalten werden.

Gelb ist eine Farbe, die keine Gefahr signalisiert. Harmonie ist mehr als ein Wort. Fußgängerüberwege sind Straßenverzierungen, sonst nicht weiter zu beachten. Junge Chinesen schlafen sehr viel, und wenn sie wach sind, kaufen sie sich einen Computer, der so groß ist wie ein Wäschetrockner. Wenn Olympia ist, crasht die chinesische Börse, warum auch immer. Steigende Kurse werden mit roten Pfeilen signalisiert, ganz anders als bei uns. Merkwürdige Geschichte. Wenn man in einer Wäscherei arbeitet, dann ist es Pflicht, T-Shirts mit absurden Aufdrucken zu tragen; unsere Wäscherin hat sieben Mal "Orgasm" auf ihrem Shirt stehen.

"Pijiu, liang" heißt zwei Bier und ist die von Westlern am häufigsten verwendete Phrase. Alle Chinesen können Billard spielen. Versuchen es Westler, werden sie ausgelacht. Der chinesische Fotoreporter singt ganz gern, was im Presseraum zu Unmut führen kann. Die Chinesen haben einen Faible für deutsche Randsportler; eine gewisse Chusovitina darf auf CCTV auftreten und ihr Händchen in Knete pressen. In vier Tagen sind die Olympischen Spiele vorbei. Merkwürdige Geschichte.

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