Kolumne Aufgeschreckte Couchpotatoes: Der Schrei nach Glück

Muss es immer gleich das Glück sein oder reicht uns beim Reisen schon der Tapetenwechsel? Der Tourismus ist die weltweit wachsende Glücksökonomie.

Das Glücksschwein im Glücksklee. Bild: imago/Arnulf Hettrich

Ein rosa Marzipanschwein hat mir mein Freund Hans zu Neujahr geschenkt. Süß! Viel Glück und guter Rutsch stand in Schokoladenschrift darauf. Dabei mag ich kein Marzipan und dem Glück gegenüber bin ich ohnehin misstrauisch.

Wenn ich glücklicherweise im Lotto gewonnen hätte, sähe ich das als millionstel Promill Zufall. Wenn ich mit 2,0 Promille an der Polizeikontrolle durchgewinkt werde, ja, dann habe ich wirklich Schwein gehabt. Aber Glück? Ich finde Glück, dieser sprunghaft schöne Zustand, wird völlig überschätzt und vor allem funktionalisiert.

Dabei haben das Glücksversprechen und die Suche nach dem Glück Hochkonjunktur. Glücksformeln und Glücksbücher sollen uns helfen, ein glückliches Leben zu führen. Die Titel der Ratgeberliteratur strotzen vor Glück in der Annahme, ein jeder Mensch habe die Möglichkeit, in dieser Welt glücklich zu werden, sofern er sich nur für das Glück entscheide und sein Leben entsprechend einrichte. Selbsternannte Glückspaternalisten geben dort ihre Beglückungsvorschläge zum Besten. Ob Glücksökonomie oder Glück in der Beziehung – alles nur eine Frage des richtigen Bewusstseins.

Oder der richtigen Kaufentscheidung, wie beim Reisen: Im Land des Glücks! Glück auf in Oberschlesien! Auf der Suche nach dem Ort des ewigen Glücks im Himalaja! Das Glück wilder Natur! Wo das Glück zu Hause ist! – der organisierte Tourismus versteht sich längst als eine einzige Glücksökonomie.

Das kleine Glück, unterwegs zu sein

Jeder Glücksappell muss, damit er bei der Überfülle des Angebots überhaupt gehört wird, drastisch überhöht sein. Also geradezu ein Schrei nach Glück. Und dieser Glücksappell muss einfach zu verstehen sein: Gesundheit, Freude und Geliebtwerden zum Beispiel. Das ist das kleine Einmaleins der Werbemacher, die emotionale Botschaft, die das Bauchgefühl erreicht.

Die Kunst besteht dann darin, das besondere Glück mit dem eigenen Produkt, der eigenen Destination zu verknüpfen und eine spezielle Art von Glück zu versprechen, die nur zu der eigenen Marke passt, und schon ist Glück käuflich.

Aber warum reist der Mensch? Er verlässt seine gewohnte Umgebung, um etwas Neues und Unbekanntes zu erleben. Die Fesseln der Routine werden abgestreift. Lasten, Alltagssorgen und Termindruck treten in den Hintergrund und werden mit ein bisschen Glück durch schöne Erlebnisse, Freiheitsgefühl und neue Erfahrung ersetzt. Reisen ist auch ein Mittel, über das Leben nachzudenken und es in neue Bahnen zu lenken. Reisen schafft Distanz – auch zu sich selbst.

Und dieses kleine Glück, unterwegs zu sein, ist schon lange kein Privileg der Reichen mehr. 978 Millionen Menschen sind nach Angaben der Welttourismusorganisation zwischen Januar und Oktober 2014 gereist. Das sind 45 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum 2013. Dass sie alle das Glück gesucht und gefunden haben, ist eher unwahrscheinlich. Aber sie hatten das Glück, sich gut geschnürte Glückspakete leisten zu können.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Schwerpunkte: Reise und Interkulturelles. Alttazzlerin mit Gang durch die Institutionen als Nachrichtenredakteurin, Korrespondentin und Seitenverantwortliche. Politologin und Germanistin mit immer noch großer Lust am Reisen.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben