Kleine Geschichte der BMX-Subkultur: Es war einmal in Amerika

Motocross war groß, vielen Jugendlichen fehlte aber das Geld. Sie bauten ihre Fahrräder um und messen sich heute weltweit in Stilen wie Vert, Park, Dirt oder Flatland.

BMX: Stil, Lebensgefühl, Originalität. Bild: reuters

Der im Amerika der 60er Jahre extrem populäre Motocross-Sport war für Jugendliche einfach viel zu teuer. Sie erfanden die unmotorisierte Version Bike Motocross und eiferten auf hügeligen Brachflächen den Stunts ihrer Vorbilder nach. Daraus entstand die Freestyle-BMX-Szene, die mehr Jugendkultur als eine Sportart war.

Erste BMX-Freestyle-Fahrer sollen bereits 1975 in den betonierten Reservoirkanälen um die kalifornische Stadt Escondido gesichtet worden sein - aber auch in trockenen Pools und Skateparks der pazifischen Küste vollführten sie bald ihre vom Motocross inspirierten Stunts.

Die bereits Ende der 50er Jahre etablierte Skateboardszene erkannte in den BMX-Freestylern Gleichgesinnte, und schon Mitte der 1970er veröffentlichte das Skateboarder Magazine erste Bilder.

Elise Graton (geb. 1976) war 16, als sie in der Vendée (franz. Atlantikküste) begann, sich für die BMX-Szenen zu interessieren. Die taz-Autorin lebt heute überwiegend in Berlin.

Zur formalen Entwicklung des Sports trugen damals besonders die Fahrer Bob Haro und John Swanguen bei: Auf ebener Straße fingen sie an, neue Tricks zu entwickeln, bei denen es mehr um Geschicklichkeit und einen choreografischen Flow als um spektakuläre Stunts ging. Damit konnte sich Freestyle von seinem Vorfahren Race und der verwandten Motocross-Szene endgültig lösen.

1979 gründete Bob Haro das erste Freestyle-Team: das „BMX Action Trick Team“, das Performances am Rand von BMX-Veranstaltungen vorführte.

Weltweiter Siegeszug durch E.T.

Freestyle-Pionier Bob Haro war es dann auch, der 1981 in Steven Spielbergs Kinderstreifen „E.T.“ die Filmstunts absolvierte - etwa als der Junge Elliot und seine Freunde samt Alien auf Rädern vor dem Militär flüchten. Der Film gilt als Initialfunken für eine erste Generation von BMXern und verhalf der Jugendkultur zu einem weltweiten Siegeszug - zunächst vor allem in westlichen Ländern wie England, Deutschland, Spanien oder Frankreich.

1982 wurde die American Freestyle Association (AFA) und damit die erste BMX-Organisation gegründet. Zwei Jahre später landete das erste Magazin auf den Markt, das sich vierteljährlich einzig und allein dem Freestyle-BMX widmete.

Das wirtschaftliche Potenzial des Sports blieb nicht lange unbemerkt: Fahrradhersteller machten sich an die technische Weiterentwicklung des Fahrgeräts, und talentierte Fahrer wurden von Sponsoren belagert. Schon bald verfügten die meisten Sportläden in den USA über eine eigene BMX-Abteilung, und die AFA organisierte erste Wettbewerbe. Mittlerweile verliert man dank der unendlichen Vielzahl von weltweiten Contests den Überblick. Zu den international prestigeträchtigsten zählen jedenfalls die amerikanischen X Games, bei denen in insgesamt vier Freestyle-BMX-Disziplinen, Vert, Park, Dirt und Flatland, angetreten wird.

Seit 1994 findet auch in Köln jährlich die Weltmeisterschaft BMX Masters statt. Über die Relevanz der jeweiligen Veranstaltungen scheiden sich die Geister, und viele BMX-Talente vermeiden Contest-Events aus Prinzip, denn BMX sei mehr Lebensphilosophie als Sport.

Selbstorganisation statt Reglements

Die Disziplin BMX-Race jedenfalls schaffte es bis in die Olympischen Spiele 2008. Selbst Freestyle stand zumindest im Gespräch für die diesjährigen Spiele. Daraus wurde nichts - und ein großer Teil der Szene atmete erleichtert auf. Bisher waren die BMXer stets imstande sich selbst zu organisieren - jenseits von Verbänden und offiziellen Reglements.

Bei den Wettbewerben jedoch wäre alles normiert, und man fürchtete, dem Freestyle-BMX könnte es ähnlich ergehen wie dem Snowboard, als es olympisch wurde: Der Sport würde in die Hände von Ahnungslosen rutschen, die die Performances nur noch nach Leistung oder nach einem Regelbuch beurteilen und dabei Stil, Lebensgefühl sowie Originalität übersehen.

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