Kino-Film "Gainsbourg": Meine hässliche Fresse

In seinem Filmdebüt "Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte" versucht Joann Sfar die Fallstricke des Genres Biopic zu umgehen - und erzählt lieber gleich ein "biografisches Märchen".

Die Gitanes auf dem Klavier und die Bardot am Hals - was braucht der Gainsbourg mehr? Bild: © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH

Es gibt zwei Dinge, die jeder von Serge Gainsbourg weiß: Zum einen, dass es seine Männerstimme ist, die Jane Birkins legendäres "Je taime"-Gestöhne im gleichnamigen "Song" mit einem trockenen "Moi non plus" beantwortet. Zum Zweiten, dass er geraucht hat. Und zwar immer. Die wenigen Fotos, in denen er keine Zigarette im Mund oder in der Hand hat, lassen sich getrost als Fälschungen abtun.

In Joann Sfars Film, in Abgrenzung vom Genre "Biopic" als "biografisches Märchen" ausgegeben, raucht schon der 11-jährige Gainsbourg, damals als Sohn russisch-jüdischer Emigranten noch unter dem Namen Lucien Ginsburg firmierend. In der allerersten Szene sieht man den kleinen Lucien, wie er an einem Stummel ziehend mit der Ablehnung eines Mädchens fertig wird. Sie hatte seine Hand nicht halten wollen, weil er hässlich sei.

Wenig später gibt der Kleine vor Selbstbewusstsein strotzend einem Polizisten auf dem Revier Feuer, wo er sich seinen "Stern" abholt. Die Szene spielt im von Deutschen besetzten Paris, und es handelt sich um den Judenstern. Es ist, als ob die Aura der Blasiertheit, die sich durchs Rauchen einstellt, Demütigungen und Niederlagen wenn nicht ins Gegenteil verwandelt, so doch zuverlässig ins Ironische verdunsten lässt.

Karikatur mit Abstehohren

Die wesentlichen Komponenten der späteren Figur Serge Gainsbourg bringt Joann Sfar auf diese Weise schon in den ersten Filmminuten ins Spiel: der Raucher, der Erotomane, der stolze Außenseiter. Sfar, seines Zeichens ein Comicautor, der mit "Gainsbourg" eine seiner eigenen Graphic Novels verfilmt hat, will keine populärpsychologische Deutung anbieten, die aus den Verletzungen der Kindheit den Ruhm der späteren Jahre hochrechnet. Er interpretiert nicht, er collagiert. So ist sein Gainsbourg in vielen Szenen gleich doppelt vorhanden. Zum einen von Eric Elmosnino in geradezu vertrackter physischer Ähnlichkeit verkörpert und zum anderen in Gestalt einer marionettenhaften Karikatur mit riesiger Pappnase, Abstehohren und langen, krakenartigen Fingern, die auf den Namen "meine hässliche Fresse" hört und für niemanden anderen als Elmosnino-Gainsbourg - und den Zuschauer - sichtbar ist. Die "Fresse" übrigens erweist sich oft als weniger ängstlich, selbstbewusster und natürlich zynischer als das "Original".

Solchen originellen und innovativen Ideen zum Trotz kann Sfar den gängigen Klischees des Biopics nicht ganz entkommen. Auch sein Film folgt der Dramaturgie eines Stationendramas, von der Kindheit im besetzten Paris über das Verstecktwerden in einer Klosterschule, das Malereistudium in Montmartre, den anfangs eher zufälligen Auftritten als Barpianist bis zum Erfolg als Songschreiber für die begabtesten und schönsten Frauen seiner Zeit.

Lieber unbeliebt

Wobei die gekonnten Personifizierungen von Juliette Greco, Brigitte Bardot, Jane Birkin allesamt großes Vergnügen bereiten und die musikalischen Stücke, die dazu eingespielt werden, eine schöne Einführung in das weite Spektrum des Gainsbourgschen Schaffens geben.

In seiner liebevoll-verspielten Inszenierung geht Sfar leider etwas zu leichthändig über die Skandale hinweg, die Gainsbourgs Biografie ausmachen. Wo heute Popstars populär sein wollen, hat er sich stets lieber unbeliebt gemacht. Das wirklich Erstaunliche daran ist: Alle seine Skandale wären heute noch immer - beziehungsweise wieder - Skandale. In einer Gesellschaft, in der wir es wieder alle besser wissen - dass man nicht raucht, nur in Maßen trinkt und sich Frauen und besonders kleinen Mädchen gegenüber mit sexuellen Anspielungen zurückhält -, wäre Gainsbourg erneut das skandalöse "Schlechterwissen" der Gesellschaft.

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