Kinderarbeit in fremden "Familien": Die kleinen Sklaven von Haiti

Makler vermitteln arme Kinder in arme Familien. Die Eltern wollen ihren Kindern helfen. Statt Ausbildung wartet aber Ausbeutung auf sie. Nach dem Beben mehr denn je.

Erste warme Mahlzeit seit drei Tagen: Valentine (mit Mütze) mit ihren Freunden Michel-Ange (links) und Johanne (Mitte). Bild: franz smets

PORT-AU-PRINCE taz | Drei Tage hat Valentine Eska keine warme Mahlzeit gehabt. Jetzt sitzt die schmächtige Siebenjährige zusammen mit ihren beiden Freundinnen Michel-Ange und Johanne auf einer Bank und löffelt Reis mit Bohnen, dazu gibt es ein kleines Stückchen Hühnerfleisch mit fettiger roter Tomatensoße.

Das einfache Essen teilen sich die drei Mädchen mit anderen Kindern. Der Löffel geht reihum. Die schmutzig-weiße Mütze hat sich Valentine über den Kopf gestülpt, als ob sie gleich in die Sommerfrische fahren wollte. Sie redet nicht viel, das Gesicht ist ernst, sie wirkt eingeschüchtert. Als vor vier Wochen in Port-au-Prince die Erde bebte, war sie gerade aus der Schule zurückgekehrt. Sie war dabei, den Betonfußboden der engen Hütte zu putzen, die sich nachts acht Personen teilen. "Das Haus meiner ,Tante' begann zu zittern", erzählt Valentine, "wir sind alle rausgerannt."

Ein paar Nachbarhütten, die nicht mit einfachen Betonsteinen gebaut waren, krachten in sich zusammen. Inzwischen sind die Armutsbehausungen wieder aufgerichtet, die Toten aus Wharf Jérémie abtransportiert. In diesem Wohnlabyrinth leben die Ärmsten der haitianischen Hauptstadt. Weil es hier keine mehrstöckigen Gebäude gab, wie sie anderswo beim Beben alle Bewohner unter den schweren Betondecken begruben, hält sich die Zahl der Todesopfer in diesem Areal noch in Grenzen.

Wie viele Menschen in dem rund 150.000 Bewohner zählenden Karree direkt am Hafen, wo die Fährschiffe aus dem Südwesten des Landes anlegen, gestorben sind, weiß jedoch niemand. Schon die Lebenden wurden niemals wirklich gezählt.

Das erste Treffen mit Valentine und ihren Freundinnen fand Anfang Dezember im Collège Verena statt. Das war noch vor dem Erdbeben, das am 12. Januar mehr als 200.000 Menschen das Leben kostete. Jetzt hat das Klassenzimmer in der Tagesschule der Heilsarmee, in dem die Kinder jeden Nachmittag unterrichtet wurden, tiefe Risse und muss wohl abgerissen werden. Der Mehrzwecksaal, im ersten Stockwerk gelegen, befindet sich nun dort, wo früher der Aufenthaltsraum war, rund drei Meter tiefer. Der schwere Wasserspeicher hat den Freiluft-Esssaal unter sich begraben.

Für Valentine hat der Alltag längst wieder begonnen: Die Nacht endet für sie etwa um vier Uhr früh. Zuerst muss sie den vier Erwachsenen und den vier Kindern in ihrer "Familie" das kärgliche Frühstück aus übrig gebliebenem Reis vom Vortag zubereiten, anschließend die Betten machen und das Haus putzen. Danach steht Wasserholen an. Rund 20 Liter fasst der Eimer, den sie anschließend auf dem Kopf zurück zum Haus ihrer Tante jongliert.

Die einzige Wasserstelle der Umgebung ist seit dem Erdbeben unbrauchbar. Tagelang gab es nur eine moderige, grau-braune Brühe zu trinken - Sickerwasser, das Valentine mit einem flachen Teller von der Erde abgeschöpft hatte. Die Bewohner von Wharf Jérémie sind jetzt auf Tankfahrzeuge angewiesen, obwohl sich die Versorgung mit dem halbwegs trinkbaren Nass normalisiert hat.

Die siebenjährige Valentine lebt bei ihrer "Tante". Aber Madame Sara* ist keine leibliche Verwandte, sondern ihre Ziehmutter. "Restavèks" werden in Haiti Kinder wie Valentine genannt, die nicht mehr bei ihrer Familie leben. Der kreolische Ausdruck leitet sich aus dem Französischen rester avec ab und bedeutet "bei jemandem bleiben". Manchmal finden Restavèks Unterkunft bei nahen oder fernen Verwandten, meist aber werden sie von fremden Menschen aufgenommen.

Eines verbindet diese Kinder: Sie müssen vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht alle im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigen. Mehr als 200 Jahre nachdem afrikanische Arbeitersklaven die französische Kolonialherrschaft abgeschüttelt und am 1. Januar 1804 die erste Republik Lateinamerikas ausgerufen haben, werden in Haiti Kinder weiterhin wie Leibeigene behandelt. Auf rund 300.000 schätzt Alinx Jean-Baptiste, der in Port-au-Prince die Arbeit der deutschen Kindernothilfe (KNH) leitet, die Zahl der billigen Kinderarbeitskräfte, Mädchen wie Jungen, die in einem fremden Haushalt leben. Die Lebensgeschichten fast aller Restavèks gleichen sich. Sie kommen aus abgelegenen Regionen, ihren Eltern fehlt das Geld, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten.

Haiti ist das Armenhaus des amerikanischen Kontinents. Über zwei Drittel der Bevölkerung haben keine feste Arbeit, bestreiten ihr Einkommen mit Gelegenheitsarbeiten oder aus Überweisungen von im Ausland lebenden Familienmitgliedern. 80 Prozent der Haitianer und Haitianerinnen müssen den täglichen Lebensunterhalt mit weniger als 1,50 Euro bestreiten. Rund ein Drittel der etwa 9,2 Millionen Menschen im "Land der Berge", wie es die Taíno-Ureinwohner nannten, haben noch nicht einmal diese Summe zur Verfügung. Sie müssen mit weniger als 70 Eurocent am Tag überleben.

"Das Problem der Restavèk-Kinder ist eine Frage der Armut in Haiti", sagt Jean-Baptiste. Jedes Familienmitglied, das nicht mit am Tisch sitzt und mitisst, vergrößert den Anteil der anderen am kärglichen Tagesgericht. "Auf dem Land gibt es kaum Arbeit und nur wenige Schulen. Viele glauben, in der Stadt ginge es den Leuten besser, man könnte lernen, eine Arbeit finden und später die eigene Familie unterstützen", fasst Jean-Baptiste die Motive zusammen, die Familien in den gebirgigen Regionen des Landes dazu bringen, ihre Kinder wegzugeben.

Früher haben sich die Familien gegenseitig geholfen. Die leibliche Tante hat Kinder zu sich genommen, wenn sie selbst kinderlos war oder die Mutter sich nicht um die Kinder kümmern konnte. Das familiäre Solidarsystem ist längst pervertiert.

In den Slums der Großstädte gibt es viele Mütter, die allein für den Familienunterhalt sorgen müssen und sich keine bezahlte Haushaltshilfe leisten können. Sie suchen dann nach einer unbezahlten Hilfe. Sogenannte Courtiers (Makler) besorgen in den ländlichen Regionen gegen Provision kleine Arbeitssklaven. Den Eltern versprechen die Courtiers das Blaue vom Himmel: gutes Essen für das Kind, ein eigenes Zimmer und den Besuch einer Schule.

Nicht nur Mädchen verbringen ihre Kindheit und Jugend bei Fremden. Rund 30 Prozent der Restavèks sind Jungen, wie etwa der 21 Jahre alte Jonathan Saintpul. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er bei seiner "Tante" und seinem "Onkel". Er kocht und putzt, holt Wasser und bereitet das Frühstück, er bringt die Kinder der "Gastfamilie" zur Schule und holt sie nach Schulschluss wieder ab. Jonathan ist morgens der Erste, der aufsteht, und abends, wenn alle sich hingelegt haben, der Letzte, der sich im Wohnzimmer aus alten Decken ein Bett bauen darf.

Valentine ist mit drei Jahren nach Wharf Jérémie gekommen. Zuvor lebte sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Les Anglais, im Südwesten Haitis, mehr als eine Tagesreise von Port-au-Prince entfernt. Über ihre Familie weiß sie so gut wie nichts. "Das Kind hat es gut bei uns", erzählt die Schwester von Madame Sara, schließlich sorge man für sie. Valentine widerspricht nicht. Später, als niemand aus ihrer Gastfamilie zuhört, erzählt sie, dass sie manchmal geschlagen wird, wenn sie nicht schnell genug arbeitet oder "sich dumm anstellt".

"Sie hat noch immer nicht kapiert, was passiert ist", sagt Vladimir Constant, der Psychologe der Kinderhothilfe in Port-au-Prince. "Valentine befindet sich seit dem Beben in einer Art Schockzustand." Auf dem Gelände des Collège Verena hat die Kindernothilfe eine Tagesstätte für die kleinen Hilfsarbeiter eingerichtet. Hier werden sie nicht nur psychologisch betreut, sondern sie erhalten auch Essen. Damit wird verhindert, was Valentine und anderen regelmäßig passiert: Die Erwachsenen machen sich über das Essen her, und die Restavèk-Kinder gehen leer aus.

Kinder wie Valentine, Michel-Ange und Johanne tragen seit dem Erdbeben eine zusätzliche Last. Sie werden von ihren "Tanten" losgeschickt, um sich in der Schlange vor den Lastwagen anzustellen, die in den Stadtteilen Lebensmittel an Bedürftige verteilen. "Mussten sie schon vorher immer alles machen, so müssen sie jetzt auch noch dafür sorgen, dass die Essensrationen in die Familien kommen", sagt Alinx Jean-Baptiste.

Hinzu kommt, dass viele "Pflegeeltern" ihren Stress dadurch abreagieren, dass sie die Restavèks noch schlechter behandeln als früher. Die Fälle von Misshandlungen haben zugenommen. "Die Situation hat sich für Kinder wie Valentine eindeutig verschlechtert", sagt Alinx Jean-Baptiste. "Die Restavèks sind als Einzige nicht arbeitslos geworden. Im Gegenteil. Sie müssen jetzt noch mehr schuften als vorher."

* Name von der Redaktion geändert

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